Der Galgen

Tafel auf dem Gedenkstein 

Der Galgen, die Richtstätte des Sintfeldes

1729 wurden 5 Raubgesellen einer Bande aus Hessen wegen Mordes an einem Bauern in Fürstenberg an diesem Gericht gehängt und gerädert. Zuletzt 1785 wurde hier aufgeknüpft ein Johannes Schmidt aus Meerhof. Galgen und Rad wurden 1807 umgehauen.

Richtstätte des Sintfeldes - der Rabenstuhl

Es ist ein düsterer Herbstmorgen. Schwarze Raben fliegen krächzend über das weite Sintfeld. Die Schulkinder aus Fürstenberg eilen mit ihrem Lehrer Kaspar Rempe den Galgenpfad hinauf auf den Eilerberg. Dort steht Johannes Schmidt bereits unter dem Holz der Richtstätte. Seine Arme sind gefesselt, die Schlinge ist schon um seinen Hals gelegt. Mit einem Fußtritt stößt der Henker den Schemel weg, und der Körper baumelt tot am Galgen.

Johannes Schmidt musste hängen, weil er den Herren von Westphalen aus ihrem Schloss in Fürstenberg Silbermünzen gestohlen hatte. Schmidt stammte aus Meerhof und endete im Jahre 1786 als letzter auf dieser Richtstätte.

Die Gerichtsbarkeit auf dem Sintfeld wurde 1379 durch den Landesherrn Bischof Heinrich in Paderborn an die Herren von Westphalen verpfändet. Als diese 1654 ihre Pfandschaft zurück geben mussten, verblieb ihnen noch ihr Patrimonialgericht zu Fürstenberg. Der Bezirk dieses privaten Gerichts umfasste die Gemarkungen Dorslon, Vesperthe und Eilern. Diese ehemaligen Dörfer hatten eigene Go- und Burgerichte besessen.

Der Richter wurde von den Herren Westphalen berufen, bezahlt und beaufsichtigt. Er besaß die Zivil- und Kriminalgerichtsbarkeit, verhandelte zumeist über zivile Klagen, konnte aber auch Leib- und Lebensstrafen verhängen.

Schwerwiegende Straftatbestände wie Mord wurden nach der „Peinlichen Gerichtsordnung“ Karls V. von 1532 geahndet. Diese Constitutio Criminalis Carolina genannte Gerichtsordnung wurde 1537 auch im Bistum Paderborn Gesetz und galt noch bis in das 19. Jahrhundert.

Im Katalog der Strafen und des Strafvollzugs galt der Tod durch den Strang als besonders schimpflich. Diese Todesstrafe wurde auf Diebe und Räuber angewandt. Jede widerrechtliche Wegnahme von beweglichen Sachen wurde als Raub angesehen. Viehdiebe waren Räuber und wurden gehängt. Mörder wurden gerädert. Die Hinrichtung mit dem Schwert war ein Gnadenerweis.

Mit der rechtlichen Ausführung der Hinrichtung durch den Strick oder das Schwert war der Scharfrichter befasst. Diesem konnte ein größeres Arbeitsgebiet unterstehen, da die geringe Anzahl der Vollzugshandlungen keinen eigenen Scharfrichter für jeden Gerichtsbezirk notwendig machte.

Die vom Richter ausgesprochene Todesstrafe wurde am Morgen nach der Urteilsverkündung vollstreckt. Der Verurteilte durfte noch seine Henkersmahlzeit einnehmen. Dann zog die ganze Dorfgemeinschaft unter dem Läuten der Kirchenglocken zur Richtstätte. Dort erhielt der „arme Sünder“ letzten geistlichen Zuspruch.

Die Galgengerüste waren an Wegen oder gut einsichtigen Orten aufgestellt. Da das Errichten eines Galgens eine ehrlose Arbeit war, musste die ganze Dorfschaft mithelfen, damit die Schande nicht an einzelnen Handwerkern haften blieb.

Galgen und Rad der Richtstätte des Sintfeldes standen auf dem Eilerberg, „Gerichte“ oder auch „Rabenstuhl“ genannt. Die Lage war typisch: auf einer Anhöhe, weit vor dem Dorf, am Fußweg nach Helmern und in der Nähe des Hessenweges, der Fernstraße von Kassel zum Rhein. Dieses Gericht sollte der Abschreckung von Missetätern und fahrendem Volk dienen. Deshalb wurde der Ort an einem Fernweg bevorzugt.

Darüber hinaus war die Berghöhe der Hinrichtung auch durch magische Vorstellungen bestimmt: In einem Prozess vor dem Gericht zu Fürstenberg erpressten die Hexenkommissare Dr. Berg und Dr. Steinfurt 1658 von der Angeklagten Angela Moller unter der Folter das Geständnis, dass sie am Hexensabbat auf dem Eilerberg teilgenommen hätte. Sie habe dort weitere Personen beim Teufelsreigen herumtanzen sehen. Solche Vorstellungen existierten in den Köpfen der ‚gelehrten’ Doktores, die diese Vernehmung führten. Denn unter angesetzten Beinschrauben bekannte die Frau alles, was die Richter ihr in den Mund legten. Auf halben Ziegenböcken seien sie und die anderen Hexen zum Eilerberg geflogen, sagte Angela Moller im peinlichen Verhör aus. Um weiterer Folter zu entgehen, erflehte sie für sich schließlich nur noch den Tod. Am nächsten Tag wurde sie zur Gerichtsstätte geführt, mit dem Schwert hingerichtet und verbrannt.

Der Galgen auf dem Eilerberg bestand aus zwei seitlich im Boden abgestützten Ständern von Eichenholz, über die quer ein dritter Balken gelegt war. Das Gerüst war durch schräg eingefügte Streben versteift. Am Querbalken war ein eiserner Haken angebracht, an dem der Henker seine Arbeit vollzog. Ein Verurteilter wurde entweder von einer Leiter gestoßen oder mit dem Seil am Galgengerüst nach oben gezogen. Letzteres war die qualvollere Methode, da der Delinquent dabei langsam erdrosselt wurde.

Der Hingerichtete wurde unter dem Galgen verscharrt, oder sein Leichnam blieb so lange an der Richtstätte hängen, bis er von selbst herab fiel. Strafe drohte denen, die es wagten, die Leiche eines Angehörigen vorher abzunehmen, um sie zu bestatten.

Die Strafe des Räderns wurde ausschließlich an Männern vollzogen. Der Verurteilte wurde mit ausgestreckten Armen und Beinen am Boden festgebunden. Dann zerschlug ihm der Henker mit einem Rad sämtliche Glieder, zuletzt das Rückgrat. Ein Gnadenerweis war es, den ersten Stoß gegen den Hals oder das Herz zu führen. Der Sterbende oder Tote wurde anschließen auf das Rad geflochten, ehe dieses auf einen Pfosten gesteckt wurde. Dort verblieb die Leiche den Vögeln des Sintfeldes zum Fraß. So erhielt der Galgen seinen Namen „Rabenstuhl“.

War das Verbrechen besonders verabscheuenswürdig, konnten gleich mehrere Arten von Todesstrafen an einem Verurteilten vollstreckt werden: Er wurde zur Richtstätte geschleift, gerädert und auf das Rad geflochten.

Ein Augenzeuge schildert eine Hinrichtung, die er im Jahr 1616 vor den Toren Hamburgs erlebt hat: „Nun nahm der Scharfrichter das Rad bei den Speichen, hob es mit einem gewaltigen Schwung hoch und brach ein Bein des Verurteilten entzwei, dass dieser vor Schmerzen aufbrüllte. Nach einer Weile zerbrach er das andere Bein auf die nämliche Weise. Danach führte er vier oder fünf wuchtige Schläge auf die Brust, dass der Brustkorb in Stücke zerplatzte. Endlich zerquetschte er seinen Hals, dass Kinn und Kiefer zersplitterten. Dann wurde der Körper auf ein Rad gebunden und der Verwesung preis gegeben.“

Die Carolina wurde erst durch die Reformen aufgehoben, die Napoleons Bruder Jérôme durchsetzte, als er das Königreich Westphalen regierte. Der Staat beanspruchte nun alle Gerichtshoheit für sich und setzte einen Friedensrichter ein. Friedensrichter des Kantons Wünnenberg wurde Joseph von Hartmann, der bis dahin das Amt des Richters am Patrimonialgericht bekleidet hatte. Für das Jahr 1807 meldet die Chronik in Fürstenberg: „Durch den Tilsitter Frieden wurde Hieronymus König von Westphalen, welcher seinen Ansitz in Cassel nahm ... die Patrimonialgerichte gingen ein, der Galge dahier auf dem Eilerberge ...umgehauen, der Graf von Westphalen verlor die Jurisdiction des Patrimonial- und Criminal Gerichts...“

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