Amtleute, Vorsteher und Untertane

Amtleute, Vorsteher und Untertane

Recht und Verwaltung

  2.1. Adelsherrschaft im Fürstbistum Paderborn

  Die Herren Westphalen  hatten für das Dorf Fürstenberg seit seiner Gründung neben der Grundherrschaft auch die Gerichtsherrschaft in ihrer Hand. Zu dieser Patrimonialgerichtsbarkeit gehörten sowohl die Zivilgerichtsbarkeit als auch die Kriminaljurisdiktion. Diese Verknüpfung von Zivil- und Polizeigerichtsbarkeit war typisch für die Gerichtsbarkeit in Adelsherrschaften[1]. Die Aufgaben des Gerichts wurden durch einen Justitiar als Richter und einen Notar als Gerichtsschreiber wahrgenommen. Im letzten schweren Fall, der vor der Kriminalgerichtsbarkeit in Fürstenberg verhandelt wurde, erhielt ein Dieb die nach mittelalterlicher Rechtsprechung übliche Todesstrafe.[2]

Der Richter hatte gewöhnlich zugleich das Amt eines Rentmeisters des Gutsherrn inne.[3] Als Beamter der Herrschaft verwaltete er einerseits deren Besitz und war ihr verbindendes Glied zur Dorfgemeinde, andererseits sprach er Recht bei Streitigkeiten zwischen Adel und Dorfgemeinschaft.

Ein Interessenausgleich zwischen Grundherrschaft und Dorf wurde durch Verträge geschaffen. Als 1807 der Notar Rempe  für die französische Verwaltung ein „Verzeichnis, was in dem Gemeinheits-Archiv Fürstenberg enthalten, und darin zu finden ist“[4] aufstellte, führte er neben Prozessakten, die bei der Regierung Paderborn  oder vor dem Reichskammergericht zu Wetzlar  verhandelt worden waren, auch eine Anzahl solcher Verträge auf. Es finden sich darunter der Bundbrief von 1449, der Wasserkontrakt von 1788, der Vertrag über den Bau der Pfarrkirche und der Vergleichsvertrag von 1796.

Rempe  bekleidete neben seiner Funktion am Patrimonialgericht die Stellung des Ortsbeamten. Die Einwohner des Dorfes wurden außerdem durch zwei Vorsteher repräsentiert, welche die lokalen Wirtschaftsangelegenheiten verwalteten. Der Ortsbeamte und die Vorsteher führten das Schatzkataster, nach dem die Grundsteuern bemessen wurden. Zu ihren Aufgaben gehörte es, die Geld- und Naturalleistungen an den Grundherrn, die sogenannten Gefälle, und sonstigen Abgaben eintreiben zu lassen. Sie stellten die Hirten, Nachtwächter und Feldhüter ein und zahlten ihnen den Lohn. Sie setzten die Beiträge zum Hirtenlohn und Wassergeld fest und prüften die Beitragslisten. Sie verpachteten die Schaftriften und verteilten den Schafpferch als Düngung. Sie sorgten für genügend Feuerlöschgeräte und den Brandschutz und verwahrten das Scheffelmaß und das Gemeindesiegel. Sie ließen die Wasserkümpe warten und reparieren. Sie regelten die Hand- und Spanndienste oder ließen sie durch Dienstgelder abgelten. Sie setzten zusammen mit dem Oberförster des Grundherrn die Zeit fest, in der die Schweine zur Mast in den Wald getrieben werden durften. Sie leisteten die Schuldendienste und stellten die Gemeinderechnungen auf. Sie sorgten dafür, daß die Landstraße und die Feldwege regelmäßig ausgebessert wurden.[5]

  2.2. Napoleonische Verwaltungsreform im Königreich Westfalen

  Als nach dem Frieden von Tilsit  im Jahr 1807 die Verwaltung im Königreich Westfalen grundlegend neu geregelt wurde, verlor der Grundherr „die Jurisdiction des Patrimonial- und Criminalgerichts“[6]. Der Personalbestand wurde jedoch beibehalten. Der bisherige Gerichtshalter des Grundherrn stand nun als Friedensrichter dem kantonalen Friedensgericht vor. Justiz und Verwaltung wurden getrennt und unterstanden staatlicher Aufsicht. Das französische Steuersystem beseitigte die Steuerprivilegien des Adels und belegte die bis dahin steuerfreien Grundstücke mit der Exemtensteuer.[7] Alle Dienste und Abgaben wurden für ablösbar erklärt.

Fürstenberg wurde eine 'Munizipalität'. An ihrer Spitze stand als 'Maire' der bisherige Ortsbeamte Rempe . Zehn 'Munizipalräte' bildeten das oberste politische Organ der 'Commune'. Die acht Kommunen Wünnenberg , Fürstenberg mit Wohlbedacht , Essentho , Oesdorf , Meerhof , Bleiwäsche  und Leiberg  wurden zum 'Kanton' Wünnenberg  zusammengefasst, der zur Unterpräfektur Paderborn gehörte. Paderborn  war ein Distrikt des Fulda  Departements.[8] Die Verwaltungsgliederung war straff hierarchisch geordnet

mit Präfekt, Unterpräfekt und Maire an der Spitze der jeweiligen Verwaltungseinheit. Jeder Beamte erhielt seine Weisungen von der jeweils nächst höheren Instanz. Dieses bürokratisch, zentralistische System garantierte einen rasch wirksamen, einheitlichen staatlichen Dirigismus bis hin zur untersten Verwaltungsstufe. Lokale Sondergewalten des Adels hatten darin keinen Platz.[9]

Die Kommune erhob die Steuern und stellte eigene Haushaltspläne auf, die durch alle Instanzen des Departements genehmigt werden mussten. Für das Jahr 1812 liegen der Haushaltsplan der Gemeinde und die Steuereinnahmen mit der Heberolle zur Aufbringung des Defizits vor. Diese Liste mit den Abgaben aller steuerpflichtigen Bürger wurde für das Dienstjahr 1812 vom Maire Rempe aufgestellt, vom Unterpräfekten revidiert und durch den Präfekten des Fulda Departements abschließend am 6.10.1812 genehmigt.

Der Staat ließ die Grundsteuer nach den aus der Zeit des Fürstbistums fortgeschriebenen Schatzkatastern erheben. Neu war, dass die bisher von der Steuer befreiten (exemten) Grundstücke aus Adelsbesitz durch die Exemtensteuer an den Abgaben beteiligt wurden. Der Fabrikant und die Arbeiter der Glashütte  zahlten für ihr Gewerbe die Personalsteuer. Von der Gesamtsumme der an den Staat abzuführenden Steuern erhob die Gemeinde noch einmal 30% als Defizitsteuer zur Deckung der Ausgaben ihres Haushalts. An der Finanzierung der Gemeindeausgaben war die adelige Grundherrschaft jetzt mit 44% beteiligt. Das Gut gehörte zur Zeit der französischen Verwaltung als Steuerzahler mit zur Gemeinde.[11]

Neben den Einnahmen aus der Defizitsteuer finanzierten sich die Ausgaben des Haushalts der Gemeinde aus Kapitalzinsen, Polizeistrafen und einem Überschuss des Jahres 1810.

Aus den Haushaltsplänen der französischen Regierungszeit werden die Verwaltungsaufgaben der Gemeinde als lokale Steuerbehörde, als Ordnungsbehörde, als Baubehörde und als Gesundheitsbehörde ersichtlich. Neben dem Maire als erstem Gemeindebeamten standen der Steuereinnehmer und der Gemeindeeinnehmer auf der kommunalen Besoldungsliste. Der Maire regelte den Einsatz der Nachtwächter, der Gänse-, Schweine- und Rinderhirten und des Feldhüters. Er verwaltete das Büro, leitete mit dem gräflichen Förster die Forstaufsicht und sorgte im Gesundheitswesen für die Besoldung der Hebamme und die Pockenschutzimpfung der Kinder. Er verwaltete die Feuerlöschgeräte und sorgte für ihre Instandhaltung.[12] Der Steuereinnehmer trieb für den Staat nach der Heberolle die Steuern ein und überwies sie an die Finanzverwaltung des Kantons. Der Gemeindeeinnehmer erhob das Wassergeld und die Beiträge zu den Hirtenlöhnen. Als Rendant und Kämmerer der Gemeinde und verwaltete ihre Ausgaben.

  Aus den Belegbüchern des Josef  Wiedemeyer  zum Rechnungsjahr 1812[13]

  Als Steuereinnehmer und Rendant der Kommune oblag ihm die genaue Rechnungsführung der Kommune Fürstenberg. Dazu wurde er vom Maire Rempe  angewiesen.

  Meinolf Voß  hat für die beiden Nachtwächter und den Kuhhirten Franz Knelleken  drei Paar Schuhe gemacht und dafür sechs Taler erhalten.

  Dem Feldhüter Anton Krieger  sind von dem Schuster Hundertmark  für einen Taler und dreißig Mariengroschen ein Paar Schuhe gemacht worden.

  Den beiden Gemeindehirten und dem Polizeidiener als Flurknecht sind am 30. März 1812 als Weinkauf ausbezahlt worden 17 gute Groschen.

  Der Herr Uhrmacher Schmidts  hat für die Unterhaltung der Kirchenuhr einen Taler nebst Beköstigung für 12 Mariengroschen aus der Gemeindekasse erhalten.

  Für die Unterhaltung des Kirchendachs ist dem Schieferdeckermeister Kleine  sein Gehalt von einem Taler und 12 Mariengroschen ausbezahlt worden.

  Für die Unterhaltung der vier Gemeindeochsen erhielten Anton Claus , Cornelius Bartels , Meinolf Henneken  und die Witwe Schäfer  am 18. Dezember 1812 je sechs Taler aus der Gemeindekasse.

  Die Witwe Hassen  hat für den bei ihr gehaltenen Dorfbären zwei Taler erhalten.

  Der Maurermeister Johann Stützinger  hat für das Putzausbessern am Turm und die Reparatur des beschädigten Fundamentmauerwerks an der Kirche 78 Taler erhalten.

  Für das Weißen der Wände in Stube und Kammer der Schule sowie das Reinigen der Wände und Fenster an der Kirche von Staub und Spinnweben hat der Meister Jakob Guen  20 gute Groschen erhalten.

  Die Totenbrücke, die nach dem Kirchhof führt, ist mit Holzbohlen ausgebessert worden. Dafür haben Meister Stiel 16 gute Groschen und Heinrich Riese  12 Mariengroschen erhalten.

  Für den Sarg des verstorbenen armen Konvertiten Johannes Rudolph  hat Augustin Tingelhoff  einen Taler und 20 gute Groschen aus der Gemeindekasse erhalten.

  Meinolf Schlüter  hat einen neuen Riemen an die große Glocke gemacht, desgleichen einen anderen repariert. Für diese Arbeit sind ihm zwei Taler gezahlt worden.

  2.3. Gemeindeordnung in Preußen

  Nach der Niederlage der Franzosen bei Leipzig  verfolgten russische Kosaken den aus seiner Residenzstadt Kassel  flüchtenden König Jerôme . Eine Abteilung kam dabei am 3. November 1813 durch Fürstenberg. Nach dem Abzug der Franzosen kehrten die Preußen zurück. Die Änderungen der politischen Lage Europas schlugen sich auch vor Ort in den Haushaltsbüchern der Kommune nieder.

  Aus den Belegbüchern des Josef  Wiedemeyer zum Rechnungsjahr 1813[14]

  Der Sieg, den die Franzosen bei Dresden  über die vereinigten Österreicher, Preußen und Russen errungen haben, ist unter Absingen des Tedeum gefeiert, und sind für ein Pfund Pulver ein Taler und zwanzig gute Groschen aus der Gemeindekasse vorgelegt worden, am 5. September 1813.

  Zu der im Oktober von der Unterpräfektur in Paderborn  angeordneten Füllung des Militärmagazins in Kassel  hat die Gemeinde Naturallieferungen für 260 Taler 20 gute Groschen und 3 Pfennige geleistet und darüber am 20. Oktober 1814 die Quittung erhalten.

  Für den am 20. November 1813 an den Ortsbeamten gelieferten Branntwein hat der Ortseinnehmer Wiedemeyer  am 14. März 1815 dem Gutspächter Kamlah  68 Taler und 22 gute Groschen vergütet. Es wird hiermit bescheinigt, dass am bezeichneten Tage von den zu Wünnenberg  biwakierten Kosaken zwei Ohm Branntwein requiriert worden sind. Da keine Vergütung aus dem Magazin zu Paderborn  erfolgt ist, muß aus der Kommunalrechnung gezahlt werden.

  Cornelius Bartels  hat einen Mann mit Pferd, welcher zur Exekution auf die
Lieferung und Stellung der Ordonanzfuhren der Gemeinde zugelegt war, zwei Tage mit Pferd beköstigt, wofür demselben ein Taler und 16 gute Groschen auszuzahlen waren, 21. November 1813.

  Josef Hagen  hat für die Gemeinde Fürstenberg ein Berliner Scheffelmaß gemacht. Dafür nebst seiner Bemühung der Auseichung hat er einen Taler und 18 Mariengroschen am 27. Dezember 1813 erhalten.

 

Die preußischen Gesetze traten am 1.1.1815 in Kraft. Das Friedensgericht ging ein und wurde seit dem 1.5.1818 als Kreisgericht gemeinschaftlich von dem Grafen von Westphalen  und dem Freiherrn von Brenken  geführt.[15] Die preußische Verwaltung übernahm die französische Steuergesetzgebung und die Verwaltungsführung. Erst 1844 wurde die Landgemeindeordnung für die Provinz Westfalen vom 31.10.1841 in der Gemeinde Fürstenberg eingeführt.[16]

Einen Einblick in die Haushaltsführung unter preußischer Verwaltung gibt der Etat von 1828. Die Aufgaben der Verwaltung sind vielfältiger geworden. Sie orientierten sich aber im wesentlichen an der vorgefundenen französischen Vorlage. Der Etatplan wurde vom Gemeindevorsteher und den acht Mitgliedern des Gemeinderats vorgeschlagen. Der Kantonsbeamte und der Landrat des Kreises überprüften ihn. Die königliche Regierung Minden , Abteilung des Inneren, genehmigte ihn.[17] Die Haushaltsausgaben wurden überwiegend durch die Einnahmen der Defizitsteuer, die sich zu 3/4 nach der Grundsteuer und 1/4 nach der Klassensteuer berechnete, bestritten. Obgleich der Graf von Westphalen  nur grundsteuerpflichtig war, war er zu 43,7% an der Finanzierung des Gemeindeetats beteiligt.

Die Verwaltung des Haushalts lag in der Hand des Ortsbeamten und stand unter der Aufsicht der Gemeinderäte. Die westfälische Gemeindeordnung regelte das Verhältnis des Ritterguts zur Dorfgemeinde neu. Das Rittergut wurde durch zwei Mitglieder im Rat der Gemeinde vertreten, dessen Angehörige aus den Grundbesitzern nach dem Drei-Klassen-Wahlrecht auf sechs Jahre gewählt wurden. Sie faßten ihre Beschlüsse unter dem Vorsitz des Vorstehers. Mehrere Gemeinden wurden zu einem Amtsbezirk unter einem von der Regierung ernannten Amtmann als staatlichem Verwaltungsbeamten vereinigt.[18] Nach der Landgemeindeordnung für die Provinz Westfalen von 1856 repräsentierte der Rentmeister das Rittergut im Gemeinderat.[19]

Diese Gemeindeordnung wurde unter Kaspar Anton Brunnstein , geboren am 24.1.1815 in Fürstenberg, eingeführt.[20] Er leitete dieses Amt seit 1851. Vorher hatte er als Gerichtssekretär Verwaltungserfahrung gesammelt[21], die er als Amtmann nicht nur für das Amt Wünnenberg , sondern in ganz besonderer Weise für seine Heimatgemeinde Fürstenberg verwandte. Er war der preußische Beamte, der die Entwicklung des Dorfes in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts in ganz besonderem Maße förderte. Die verhältnismäßig selbständigen Gemeindevorsteher traten hinter seiner Person deutlich zurück. Ihm gelang ein ständiger Interessenausgleich zwischen dem Besitzer des Ritterguts und der Gemeinde. Er bewältigte die schwierigen Aufgaben der Separation und der Holzablösung. Er fand finanzielle Möglichkeiten, den kommunalen Wegebau voranzutreiben und schaffte die Voraussetzungen für den ständigen Sitz der Verwaltung des Amtes in seinem Geburtsort.

  2.4. Kommunale Schulden

  Eine ungeheure Schuldenlast hemmte zu Beginn des 19. Jahrhunderts die wirtschaftliche Entwicklung des Dorfes. „Fürstenbergs Bewohner geriethen durch Aufwand der vielen angeerbten alten und neuen Proceß Kösten, durch Brandschaden und mehrmals erlittenen Mißwuchs [...] in Schulden“[22]. 1807 sind die Verbindlichkeiten der Gemeinde festgehalten.

Im Haushaltsetat 1812 beliefen sich die Zinsen auf 285 Taler, 21 gute Groschen oder 1044 Franc und 15 Centimes[23], das waren 40% der gesamten Ausgaben des Etats. Obwohl die französische Verwaltung anordnete, verbliebene Überschüsse aus den Vorjahren zur Tilgung der Grundschulden zu verwenden, verringerten sich die Zinsen kaum. So wurden im Jahre 1813 allein 117 Taler zur Abzahlung der Schulden verwandt. Trotzdem mussten noch 269 Tlr, 16 gGr, 3 Pf an Zinsen gezahlt werden. Abgetragen waren aus der Liste von 1807 am 4.1.1818 nur 300 Taler. Der Schuldenstand belief sich immer noch auf 5457 Taler. Kriegssteuern und die Naturallieferungen an die kriegführende französische Armee hatten die Schulden im Jahre 1814 um weitere 533 Taler anwachsen lassen.[24] Erst 1823 hatte sich die Schuldenlast merklich verringert.[25]

Im Etat für die Gemeinde Fürstenberg von 1865 ist die Schuldenliste von 1823 noch vollständig vorhanden.[26] Diese Altschulden konnten erst im Jahre 1891 getilgt werden.[27] Als neue Kapitalgeber traten die Provinzialhilfskasse Münster , seit 1847, und die Kreissparkasse Büren , seit 1862, auf. Die dort aufgenommenen Geldmittel nutzte die Gemeinde zur Finanzierung verschiedener Wegebauten. Im Jahre 1873 waren von 425 Talern, die an Zinsen zu zahlen waren, ein Viertel für Altschulden und drei Viertel für Darlehen zu den Wegebauten aufzuwenden. Der Haushaltsetat von 1883 wies einen Schuldendienst von 3023,78 Mark aus. Zwar waren seit Beginn der preußischen Herrschaft die privaten Geldgeber zurückgetreten und die alten Schulden aus Prozessen abgebaut, doch ließen große Investitionen in den Wegebau und in öffentliche Bauten den Schuldendienst im letzten Viertel des Jahrhunderts wieder ansteigen.

  2.5. Restauration der gutsherrlichen Abhängigkeit

  In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die arme Gemeinde bei Investitionen darauf angewiesen, dass der Graf von Westphalen  den größten Teil der Kosten übernahm, während die Dorfgemeinde die Arbeitskräfte (Scharwerke) stellte. Als 1826 von Seiten des Herrn Grafen einneues Schulgebäude angefangen und ausgeführt wurde, hatte die Gemeinde die nötigen Hand- und Spanndienste zu leisten. Der Gutsherr als Geldgeber ließ nach seinen Vorstellungen einen Rundbau von 16 m Durchmesser mit einem schiefergedeckten Zeltdach errichten. Obgleich das Gebäude durch seinen Baustil fremdartig wirkte unter den in traditioneller Bauweise errichteten Fachwerkhäusern des Dorfes, wurden die finanziellen Zuwendungen jedoch dankbar angenommen, wohl auch in dem Bewusstsein, dass das adelige Rittergut Teil der Kommune war.

Bei der Wasserversorgung des Dorfes wurde 1820 vertraglich neu vereinbart, daß diese vom Grundherrn zu gewährleisten sei, wozu die Gemeinde jährlich 50 Taler Wassergeld zu zahlen hatte.[28] In den Jahren 1830 und 1831 gab die Gemeinde in Verträgen dem Gutsherrn Grund und Boden, während jener sich verpflichtete, die vorhandenen hölzernen Fußbrücken durch steinerne Fahrbrücken zu ersetzen.[29] Diese Abmachungen und Verträge machen deutlich, dass die Gemeinde bei größeren Bauvorhaben finanziell überfordert und offensichtlich auf die Organisationsfähigkeit der gräflichen Administration angewiesen war. Der adelige Gutsherr fühlte sich aus seiner Tradition verpflichtet, sich um das öffentliche Wohl seiner Untertanen in seinem Dorfes zu sorgen. Für die Gemeinde blieben nur die Reparaturen an den öffentlichen Gebäuden Kirche und Schule, wie die Haushaltspläne wiederholt aufführen.

  2.6. Initiativen der Kommunalverwaltung

  Erst Mitte des Jahrhunderts, unter dem Amtmann Brunnstein, begann die Gemeinde zunächst im Wegebau mit kommunalen Investitionen, die sich zum Ende des Jahrhunderts in öffentlichen Bauten verstärkten.

Beispielhaft für künftige kommunale Investitionsvorhaben war der Wegebau vom Oberdorf zur neuen Kreisstraße, die Büren mit Marsberg  verband. Als 1851 nach einem Großbrand im Viertel der Tagelöhner auf dem Klimberg 22 Häuser eingeäschert waren[30], nutzte die Gemeinde frei werdende Hausplätze und einen finanziellen Zuschuss (Gnadengeschenk des Königs) zu einer kommunalen Wegebaumaßnahme. Als eine Kapitalanleihe beim Graf von Westphalen  scheiterte, da die Zinsen für ein früher geliehenes Kapital gleichzeitig erhöht werden sollten, beantragte Brunnstein bei der Westfälischen Provinzialhilfskasse zu Münster  2300 Taler zu 7% auf 24 Jahre Amortisation. 1300 Taler nutzte er sofort, um die alte Schuld bei der Adelsfamilie abzulösen.[31] Die Gemeinde machte sich erstmals unabhängig von ihrem bisher wichtigsten Geldgeber, indem sie öffentliche Anleihen in Anspruch nahm.

Auch die Haushaltspläne von 1863 bis 1913[32] sind nach dem Muster der französischen Etatpläne aufgebaut und weisen der Kommunalverwaltung unveränderte Aufgaben zu. Ihr Volumen  vergrößerte sich jedoch durch die einsetzende öffentliche Bautätigkeit.

Drei Perioden der Gemeindeverwaltung können während des 19. Jahrhunderts unterschieden werden. Nach einer völligen Neustrukturierung und Straffung nach französischem Vorbild im Königreich Westphalen  vollzog sich ab 1815 unter preußischer Herrschaft zunächst eine Restauration der alten Herrschaftsstrukturen von Adel und Dorf. Erst nach den revolutionären Ereignissen von 1848 und der neuen preußischen Gemeindeordnung wurde die Verwaltung vom Dorf und dem Gut gemeinsam getragen. Die liberalen Agrarreformen, die der preußische Staat allmählich durchführte, verminderten auch die persönlichen Abhängigkeiten der Bauern des Dorfes von ihrem Grundherrn.

[1]HENNING, F.-W., 1964. S. 235.

[2]NOLTE, B., 1984. S. 19.

[3]Stdt A Wü A 778. 1873. S. 18.

[4]Stdt A Wü A 777. 1807.

[5]Stdt A Wü A 246. 1812.

[6]NOLTE, B., 1984. S. 20.

[7]Stdt A Wü A 246. 1812.

[8]Privatbes., Gesetzbulletin. 1808. S. 44.

[9]LAHRKAMP, M., 1983. S. 27.

[10]Stdt A Wü A 246. 1812.

[11]Stdt. A Wü A 723. 1865.

[12]Stdt A Wü A 245. 1813 u. A 246. 1812.

[13]Stdt A Wü A 246. 1812.

[14]Stdt A Wü A 245. 1813.

[15]NOLTE, B., 1984. S. 20.

[16]NOLTE, B., 1984. S. 65.

[17]Stdt A Wü A 769. 1828.

[18]LEESCH, W.; SCHUBERT, P.; SEGIN, W. (Hrsg.), 1970. S. 243.

[19]Stdt A Wü A 769. 1856.

[20]SCHULTE, E., 1966. S. 34.

[21]KRUS, H.- D., 1987. S. 94 ff.

[22]NOLTE, B., 1984. S. 17.

[23]Stdt A Wü A 246. 1812.

[24]Stdt A Wü A 131. 1817.

[25]Stdt A Wü A 244. 1823.

[26]Stdt A Wü B 161. 1823.

[27]Stdt A Wü B 161. 1891.

[28]NOLTE, B., 1984. S. 39.

[29]NOLTE, B., 1984. S. 50 ff. u. A 779. 1830/31.

[30]Stdt A Wü A 105. 1852 u. 1853.

[31]Stdt A Wü A 122. 1859-62.

[32]Stdt A Wü B 161. 1863-1913.