Die wahre Geschichte des Joseph Braun

Es sind acht Reiter, die in der Dunkelheit den Eilerberg herunterkommen. Sie haben ihre Hüte tief ins Gesicht gezogen, um sich vor der Kälte des Februars zu schützen. Ihre Pferde sind schwer bepackt mit Mantelsäcken. Auf der Ebene angekommen, biegen sie auf den alten Weg ein, der sie nach Osten führt. Schweigend folgen Joseph Braun und seine Männer dem alten Lew Askenas, der ihnen vorausreitet.

Askenas ist groß von Gestalt. Er kennt jeden Pfad zwischen dem Rhein und Thüringen. Dieser Weg führt ihn jetzt an den Blankenroder Wald. Da! Ein kurzer Pfiff. Askenas biegt vom Weg ab und reitet auf den Waldrand zu. Im schwachen Licht des Mondes sind zwei Männer zu erkennen. Ein kurzes Gespräch. Askenas kehrt zurück und führt seinen Reitertrupp in den Wald hinein.

Laus Löwge hatte seinen Schwiegervater schon erwartet. Denn er und Samuel Braun waren mit dem Ausheben der Grube bereits fertig. Die Reiter schnürten die Leinensäcke von den Pferden und legten sie einen nach dem anderen in das Erdloch. Ein kurzes Gebet, gesprochen von Askenas, und die anderen halfen, die Erde wieder aufzufüllen. Der Boden wurde sorgfältig geglättet und dann mit Laub und Zweigen abgedeckt.

Die Reiter bestiegen die Pferde und setzten ihren Weg durch den Wald nach Scherfede fort. Am Abend wollten sie in Kassel sein, noch vor dem Beginn des Sabbat. Im „Weißen Roß“ war der geeignete Ort, einen Ruhetag einzulegen. Der Wirt fragte nicht viel, und weitere Gäste waren nicht zu erwarten. Den Salomon Michel aus Abterode wollte man lieber beim Seiler vor dem Müller-Tor treffen. Dort war man sicher, wenn es galt, ein Geschäft zu machen.

Joseph Braun, wie Laus Löwge mit einer Tochter des Askenas verheiratet, Berige Barbier und der junge Berige Wetzlar holten aus ihren Mantelsäcken die erbeuteten Stücke hervor: einen Leuchter, zwei Schüsseln, Messer, Gabeln und Löffel - ein ganzes Service, von feinstem Silber, mindestens 15 Pfund an Gewicht, alles aus dem heimlichen Besuch auf dem Schloss bei Meschede stammend, wo der reiche Herr von Westphalen zu Fürstenberg seinen Rittersitz hatte.

Zu fünft, denn einer musste bei den Pferden bleiben, waren sie über den zugefrorenen Wassergraben an das Schloss herangeschlichen und hatten die Leiter, die sie in der nahen Scheune gefunden hatten, an das Fenster gelegt. David Kopp, der Spezialist für Einstiege, hatte das Fenster aufgehebelt und sich hineingezwängt. In welchem Zimmer er das Silberzeug finden würde, hatte ihm Askenas genau beschrieben. Denn der kannte sich aus in Schloss Laer, hatte schon einmal Geschäfte gemacht mit dem edlen Herrn. Stück für Stück reichte Kopp seine Beute nach draußen.

Hier in Kassel hatte er zum ersten Mal die Gelegenheit, in Ruhe den Schatz zu betrachten. Der Einstieg hatte sich gelohnt. Dazu kamen die Silberwaren, die sie in der Nacht zum 1. Februar in Essen beim Goldschmied Wilhelm Heinrich Varenhorst erbeutet hatten. Dort waren sie mit einer Leiter über die Stadtmauer gestiegen. Vom Garten aus hatten sie eine Tür aufgebrochen und aus der Arbeitsstube allerhand Silberware wie Becher, Dosen und Löffel, insgesamt 20 Pfund, geraubt. Wenn Askenas das Geld verteilte, das er von seinem Aufkäufer Salomon erwartete, würden sicher 25 Taler für jeden dabei herausspringen.

Und Salomon Michel kaufte und zahlte auch dieses Mal wieder. Als Kurfürstlich-Hessischer Hoflieferant hatte er ständig Bedarf an Silberware, die er entweder verkaufte oder, wenn sie zu heiß war, einschmelzen und neu verarbeiten ließ. Am Sonntagnachmittag war das Geschäft gelaufen. Askenas gab das Zeichen zum Aufbruch. Denn des Montags wollte er wieder zu Hause in Mackenrode unweit von Göttingen sein.

Die Residenz Münden lag auf dem Weg. Eine halbe Stunde vor der Stadt ließ Askenas den Joseph Braun und dessen Bruder Samuel mit den Pferden in einem Steinbruch im Wald zurück. Die anderen näherten sich zu Fuß der Stadt, überstiegen die Mauer und brachen gemeinsam in die Stadtkirche St. Blasii ein in der Hoffnung, dort silbernes Messgeschirr zu finden. Doch diesmal war die Ausbeute enttäuschend. Sie mussten sich mit einigen Gefäßen aus Zinn zufrieden geben. Der Anteil an der Beute betrug für jeden nur ein mageres Kopfstück. Joseph Braun gab später an, dass es nur die geringe Summe von drei oder vier Batzen gewesen sei, die er vom Meier Sprengling erhalten habe. Der habe die Sachen zum Verkauf an sich genommen.

Anno 1734 endlich war das Spiel zu Ende. Wegen eines gewaltsamen Einbruchs in die Gold- und Silberfabrik zu Coburg wurden Joseph Braun und seine Komplizen von dem zuständigen Richter Nicolaus Einert vernommen. Und der förderte bei seiner Inquisition Erstaunliches zu Tage. Zunächst klärte er den in der Nacht zum 9. Dezember 1733 verübten schweren Einbruchsdiebstahl auf. Dabei hatten sieben Mann unter der Führung des Meier Sprengling aus der Schmuckmanufaktur 147 Pfund Gold- und Silberspitzen so wie wertvolle Tressen erbeutet, dazu noch Geld, Scheidegold und Silber im Wert von 900 Reichstalern.

Dann gelang es dem Geschick des Richters, mit Hilfe der Daumenschrauben und anderer Tortur, den Joseph Braun zum weiteren Reden zu bringen. Nach und nach wurden so über 70 schwere Eigentumsdelikte bekannt, die Braun und seine Komplizen auf dem Kerbholz hatten.

Joseph Braun, dessen Bruder Samuel, Schwager Laus Löwgen und Schwiegervater Lew Askenas gehörten zum Kern einer kriminellen Vereinigung, die mehr als ein Jahrzehnt schon gewerbsmäßig Diebstahl betrieben hatte.

In Gruppen von fünf bis acht Mann und in unterschiedlicher Zusammensetzung agierend, hatten sie den Raum zwischen Rhein, Main, Westfalen und Thüringen unsicher gemacht. Bei Neumond und im Winter, wenn die Wehrgräben zugefroren waren, drangen sie mit Leitern über die Mauern in die Städte ein, um Kirchen oder wohlhabende Herrschaften auszurauben. Die Pläne dazu hatten sie oft schon Jahre zuvor gefasst. Einert konnte von insgesamt 81 Ganoven dieser ‚Chabrusse’ die Namen ermitteln.

Hätten Johann Hibigen und Friedrich Dickmann am Gericht zu Fürstenberg im Winter 1728/29 mit dem gleichen Geschick und der Hartnäckigkeit des Coburger Richters ihre Untersuchungen geführt, die Bande hätte schon zu der Zeit auffliegen können. Denn in Fürstenberg war für einige von ihnen schon damals die Falle zugeschnappt.

Itzig Krebs, ein Schwager des Joseph Braun, Mortie Chosen, Schwartz Seeligmann, Josef Elias, der Baruch und ein Mann aus dem Böhmischen hatten dort einen Bauern bestohlen. Als der sich den Dieben in den Weg stellte, erschlugen sie ihn, um ihre Straftat zu verdecken. Sie konnten zunächst fliehen, kamen jedoch nicht weit. Denn andere Bauern aus dem Dorf waren von dem Tumult alarmiert, verfolgten die Täter mit ihren Pferden, holten sie dank genauer Ortskenntnis bald ein und konnten sechs Räuber im Wald bei Fürstenberg festnehmen.

Hibigen und Dickmann konnten den Mordbuben zwar einen gewaltsamen Einbruch bei einem Kaufmann in Solingen nachweisen, der in der Nacht zum 9. September 1728 statt gefunden hatte. Auch ermittelten sie einen Hehler, der den Dieben in Menden die geraubten silbernen Wertgegenstände abgekauft hatte. Doch zu weiteren Ergebnissen führte die Untersuchung nicht.

Als es dem Böhmischen auch noch gelungen war, aus dem Verlies der Burg Fürstenberg zu entkommen, wurde mit den übrigen kurzer Prozess gemacht. Zwei wurden wegen Mordes gerädert, zwei der Täter wegen Diebstahls gehängt. Der fünfte hatte schon die peinliche Befragung nicht überstanden, war im Gefängnis verstorben und am Röenmark vor dem Dorf vorläufig verscharrt worden. Sein Kadaver wurde zur Hinrichtung wieder ausgegraben und zusammen mit den Leichen seiner Gesellen den Rabenvögeln zum Fraß auf das Rad gelegt.

Zu Reichensachsen bei Eschwege im Hessischen wusste man vom unabwendbaren Schicksal der Männer, die in der Burg Fürstenberg einsaßen. Der Böhmische hatte Schlimmes berichtet und Joseph Braun weitere Erkundigungen über den Fortgang des Prozesses eingeholt. Im Haus des Meier Sprengling wurden deshalb alle notwendigen Vorbereitungen getroffen. Des Seeligmann Frau und ihre Tochter, sowie des Meyer Sprengling Weib Rosina nähten drei Leinensäcke.

Es ist im Februar des Jahres 1729 ein klarer, kalter Wintertag. Über das Sintfeld kommen von Meschede her Lew Askenas, Joseph Braun und seine Komplizen. Sie reiten westlich an Fürstenberg vorbei. Schon von weitem sehen sie die Körper der Hingerichteten festgekettet an Rad und Galgen auf der Höhe des Eilerberg. Zunächst ziehen sie weiter bis in den Wald vor Blankenrode. Als es dunkel geworden ist, machen sich acht Reiter auf den Weg zurück zum Eilerberg.

Dort geht alles recht schnell. An das Ende eines Seils wird ein Stein gebunden. So beschwert kann es sicher über den Querbalken des Galgengerüsts geworfen und an der anderen Seite ergriffen werden. An das eine Ende des Seils wird nun ein Holzknebel geknotet. Darauf setzt sich der Jüngste, der Berige Wetzlar. In der Rechten ein Brecheisen haltend lässt er sich von den anderen auf das Galgengerüst hinaufziehen. Mit dem Werkzeug sprengt er sodann die Nägel und Ketten von Galgen und Rad, so dass die Kadaver zur Erde hinunter fallen. Dort werden die Leichenteile von den übrigen aufgehoben, in die vorbereiteten Säcke gesteckt und wie ein Mantelsack auf die Pferde gebunden.

Als die Leichen im Wald bei Blankenrode bestattet waren, hatten die Männer ihre Pflicht erfüllt. Die Toten waren der ewigen Verfluchung entrissen und konnten endlich ihre Ruhe finden. Die Witwen durften den Verlust ihrer Gatten beweinen und nach der Trauerzeit wieder eine Ehe eingehen, um mit ihren verwaisten Kindern versorgt zu sein.

Die wahre Geschichte des Joseph Braun, geboren 1695 zu Seulberg im Taunus, zuletzt wohnhaft zu Wilmars/Rhön, kam auch den Herren Westphalen auf ihrer Burg in Fürstenberg zu Ohren. Denn der Coburgische Zehnt-Amts-Richter Paul Nicolaus Einert fertigte nach den Erkenntnissen seiner Vernehmungen eine ausführliche Beschreibung der Erzdiebe und ihrer Taten an. Die Druckschrift ließ er zum nützlichen Gebrauch für seine Amtskollegen in mehreren Auflagen publizieren.[1]

So konnten die Herren Westphalen sich nur wundern über die Dreistigkeit der Bande des Joseph Braun: Der hatte mit seinen Komplizen zuerst aus dem Haus Laer bei Meschede ihr Silberservice gestohlen und in der darauf folgenden Nacht die Leichen von Rad und Galgen ihrer Richtstätte auf dem Eilerberg bei Fürstenberg geraubt.

Am 31. Januar 1737 schließlich wurde der Galgen der Stadt Mühlhausen in Thüringen dem Erzdieb und Kirchenräuber Joseph Braun zu seinem endgültigen Schicksal.

[1] Siehe Quellen: Private Bestände: Actenmäßige Designation ... und Entdeckter Baldober...