Pfarrkirche Text

Kapitel 1

„ANNO 1750 ist zu dießem Tuhrm der Anfang gemacht“ – Zur Baugeschichte der Pfarrkirche St. Marien

„Es ist einem jeden bekannt, wie mühselig es ist, zu der Vesper Kirche unten im Tal zu gehen, um daselbst den Gottesdienst abwarten zu müssen.“ So beginnt Franz Arnold Schmidt sein Gesuch vor dem Sekretär Denker. Anfang März, als der letzte Schnee geschmolzen, die Wege abgetrocknet und wieder gangbar sind, hat er sich zusammen mit Jürgen Hassen auf die Reise nach Paderborn gemacht. Bei der fürstbischöflichen Behörde wollen die beiden Vorsteher aus Fürstenberg die Erlaubnis zum Bau einer neuen Kirche erwirken.

Im Namen ihrer Gemeinheit geben sie weiter zu Protokoll, dass sie mit Gottes Hilfe und der Unterstützung ihrer Herrschaft und gutherzigen Spenden auf dem bereits lange dafür vorgesehenen, im Dorf liegenden Platz eine neue Kirche aufbauen lassen wollen. Da sie die dafür erforderlichen Gelder aber noch nicht zusammen haben, wollen sie zunächst nur einen Turm errichten. Darin sollen in der Höhe die Glocken aufgehängt werden, um sie vor Wind und Wetter zu schützen. An diesen Turm soll dann zukünftig die Kirche angebaut werden. Die Herrschaft sei mit diesem Plan einverstanden und habe bereits das nötige Bauholz durch ihre Bediensteten anreißen lassen.

Nachdem der Generalvikar die Petition eingesehen und den Pastor Martin Hassen angehört  hat, erlaubt er namens des Fürstbischofs der Gemeinde Fürstenberg, ihr Vorhaben in Gottes Namen anzufangen. So weist es der Protokollauszug vom 2. März 1750 aus, ausgefertigt vom Sekretär Denker, unterschrieben und gesiegelt vom Generalvikar Bernhard Ignatius von Wydenbrück.[1] Eine Abschrift dieses Dokuments wird am 13. April 1750 beglaubigt durch Heinrich Anton Coßmann, Westphälischer Samtgerichts Verwalter, und mit dem Siegel des Fürstenberger Gerichts bedruckt.

Die Baugenehmigung ist damit erteilt, das Bauholz im Wald zum Schlagen angezeichnet, mit dem Bau des Kirchturms kann begonnen werden. Auf einer Grundfläche von 21 Fuß im Quadrat, das sind 6,75 m mal 6,75 m, wird das Fundament aus Kalkstein gemauert. Die Wandstärke des Mauerwerks beträgt zwei Meter auf der West- und Ostseite und einen Meter in den Stützbögen auf der Nord- und Südseite. Bis zur Traufhöhe von 17,50 m verjüngt es sich von Stockwerk zu Stockwerk bis auf einen Meter. Noch im gleichen Jahr ist das Steinwerk fertig. Oben werden die geschmiedeten Zuganker gesetzt. Die Querstücke außen am Mauerwerk geben weithin sichtbar die Jahreszahl 1750 an, ebenso der Schlussstein im profilierten Rundbogen des Westportals.

Im darauf folgenden Jahr werden die Sparren für das achtflächige schlanke Turmdach gerichtet und mit Brettern verschalt. Das gesamte aus Eichenholz gezimmerte Werk wird mit Schiefer aus Nuttlar wetterfest abgedeckt. Am 16. Juli ist das Turmdach fertig. Die Handwerker unter dem Baumeister Valentin aus Paderborn und dem Zimmermeister Joachim Müller aus Brakel sowie die Dachdecker aus Büren und Rüthen haben gute Arbeit geleistet. Der Rentmeister Heinrich Anton Coßmann und der Kirchenprovisor Franz Wilmen Widemeyer können zufrieden sein.

Die beiden Glocken der Vesperther Kirche[4] werden abgebaut, auf den neuen Turm gezogen und in die Kammern des Bockglockenstuhls gehängt, in dem später noch eine dritte Glocke ihren Platz findet. Solange die Kirche nicht fertiggestellt ist, rufen die Glocken weiterhin zur Messe nach unten ins Tal. Wegen des beschwerlichen Weges dorthin hält der Pastor Martin Hassen den Gottesdienst während des Winters allerdings in der nahen Burgkapelle.

Der mit Flusskieseln in Fischgrätmuster gepflasterte Turm wird sofort in Gebrauch genommen. Denn „im Spritzenhause in dem Kirchturm befinden sich 2 Feuerspritzen, 205 Löscheimer, 5 Feuerhacken, 4 Feuerleitern“ wie im „Inventarium der vorhandenen von der Gemeinde Fürstenberg bezahlten Utensilien“ vermerkt ist.[5] Wenn ein Schadenfeuer ausbrechen sollte, kann jetzt die Alarmglocke im Kirchturm geläutet werden. Alle Männer können sich von dort ihr Löschgerät holen. Doch vor einer Brandkatastrophe bleibt die Gemeinde vorerst verschont.

Der letzte Großbrand, der das Dorf am 19. August des Jahres 1727 bis auf drei Häuser vollständig vernichtet hat, ist allen noch frisch im Gedächtnis. Doch er hat den Kirchbau erst möglich gemacht. Nach dem Brand haben sich die geschädigten Familien in ihre feuerfesten, gewölbten Keller zurückgezogen. Eine andere Unterkunft gibt es nicht. Während des Winters müssen die Männer im Wald die Eichen schlagen. Auf Schlitten schaffen sie die Stämme zum Zimmerplatz am Rande des Dorfes. Mit der Hilfe von Wandergesellen[6] zimmern sie dort das Bauholz für das geplante Fachwerk zurecht. Die montagefertig vorbereiteten Werkstücke bringen sie zum Bauplatz und errichten aus den Ständern und Balken das fertige Bauwerk. Über den vorhandenen Gewölbekellern entstehen nach und nach die Häuser an alter Stelle wieder neu.

Bereits am 31. März 1728 wird das Haus Stineken, Kirchstraße 5, wieder aufgerichtet, wie die Torinschrift noch heute zeigt. Andere noch bekannte Inschriften nennen sieben weitere Häuser, die bis Anfang Juni des gleichen Jahres wieder aufgebaut sind.[7] Das völlig niedergebrannte Dorf ersteht erstaunlich schnell wieder.

Doch einigen Hausvätern erlaubt der Burgherr den Aufbau ihrer Häuser nicht, zumindest nicht an gleicher Stelle. Drost Wilhelm von Westphalen will den Platz zwischen seinem Burggelände und dem Dorf frei machen für eine neue Kirche. „Pro bono et necessitate publica“, zum Wohle und im Interesse der Gemeinde, sollen dort einige Einwohner ihre Hausstellen aufgeben, ihre gewölbten Keller und die in Kultur genommenen Gärten verlassen, um auf driesche und unkultivierte Gründe zu wechseln.[8]

Der Grundherr lässt eine Fläche von 2.200 m² räumen, auf der bei der damals dichten Bebauung des Dorfes wahrscheinlich sechs Häuser gestanden haben. Das führt zu Unmut unter den Betroffenen, der sich an zwei Hausinschriften ablesen lässt. So hat im Torbogen von Haus Nr. 56, Kaplons genannt, heute Hahnenberg 5, gestanden: „Sie haben mich hin und her getrieben, zuletzt bin ich auf dieser Klippe geblieben“[9]. Das Haus wird erst 1735 hier am Rande des Dorfes neu errichtet. Es hat dem Kirchbau weichen müssen.

Josef Wessel lässt 1734 in den Torbalken seines Hauses, heute Am Pellenberg 9, den Spruch schneiden: „Als hier vor sieben Jahr, der Hunde Scharne war, und viel Pferde, Schwein und Kuh gelangten hier zur letzten Ruh, auf Geheiß der Obrigkeit waren hier sehr brave Leut.“[10] Auch Josef Wessel hat auf Anweisung des Grundherrn an eine Stelle umsiedeln müssen, die ihm nicht behagte. Denn hier ist vorher das in den Flammen umgekommene Vieh verscharrt worden. Noch heute weist die Ortsbezeichnung Röenmark als Feld für Hundekadaver auf diesen Platz hin.

Noch steht von der Kirche nur der Turm. Der Bau muss weitergehen. Das Langschiff, das mit drei Jochen von jeweils acht Metern Länge und einer Spannweite von elf Metern mit einem Rundbogengewölbe geplant ist, soll die Gemeinde bauen. Den Bau des daran anschließenden Chorraumes, dessen Niveau drei Stufen höher liegt, übernimmt der Kirchenpatron, der Freiherr von Westphalen. Er wird weiterhin auch für die Reparaturen und Renovierungen an diesem Teil des Gebäudes die Verantwortung tragen.

Gutes Baumaterial ist zu beschaffen. Sauber gebrochene Steine für das Mauerwerk und starke Eichenschwellen für das weitgespannte Dach müssen her. Dabei ist es leichter, geeignetes Bauholz in den Fürstenberger Wäldern zu finden als gute Bruchsteine. Schon beim Turm haben die Handwerker in den oberen Stockwerken immer schlechteres Steinmaterial mit Kalkmörtel vermauert. Ein neuer Steinbruch muss aufgeschlossen werden, um regelmäßiges Material zum Aufmauern der Ecken an Pfeilern, Bögen und Deckengewölben zu gewinnen.

Die Vorsteher des Dorfes hoffen auf Gottes Hilfe und großzügige Spenden zum Wohle der Kirche. Unterstützung und Geld - auch für das Kirchenschiff - kommen schließlich vom Grundherrn, dem Drosten und Freiherrn Clemens August von Westphalen. Der Erbherr auf Fürstenberg erklärt sich bereit, die neue Pfarrkirche größtenteils aus seinen eigenen Mitteln erbauen zu lassen. Mehr als 3.500 Taler zahlt er zu diesem Bau, der einige Jahre später für 5.000 Taler feuerversichert ist.[11]

In einem Vertrag mit dem Pastor Martin Hassen, den Provisoren Georg Hassen und Franz Arnold Schmidt und den Vorstehern des Dorfes Martin Blinden und Meinolf Claus lässt der Grundherr sich dafür einige Rechte einräumen. Er verlangt für sich und seine Familie, auf dem von ihm erbauten Chor eine Seite als Oratorium, als eigenen Gebetsraum, einrichten zu lassen. Die andere Seite soll als Sakristei genutzt werden. Dort sollen für den Küster, den Schulmeister, die Vorsänger und die Templierer, das sind die beiden Kirchenvorstände, bequeme Sitze gemacht werden. Der verbleibende Zwischenraum soll von der Jugend genutzt werden dürfen.[12]

Für sich und seine Nachkommen bedingt er sich eine Begräbnisstätte auf dem Chor aus. Kein anderer soll dort begraben werden dürfen ohne seine Erlaubnis. Es steht ihm frei auf seine Kosten unter der Erde eine Totengruft oder einen Keller zu erstellen und den Eingang dorthin zu verlegen, wo es notwendig ist. Er darf Änderungen in seinem Oratorium vornehmen, ohne die Gemeinde fragen zu müssen.

Begräbnisse im Langschiff der Kirche müssen der Pastor und der Kirchenvorstand für jeden, der dort begraben werden will, vorher genehmigen. Für eine Grabstätte im Kirchenraum sind wenigstens 12 Taler zu zahlen. Das einkommende Kapital ist, da sonstige Einnahmen fehlen, für die Unterhaltung der Kirche zu verwenden. Eine Ausnahme gilt für den derzeitigen Rentmeister und Gerichtsverwalter Coßmann. Er und auch seine Frau dürfen in der Kirche begraben werden, ohne dafür zu zahlen. Coßmann hat sich diesen Ehrenplatz verdient, da er sich um den Kirchenbau sehr bemüht hat.

Heinrich Anton Coßmann ist 1715 in Arnsberg geboren. Im Alter von 30 Jahren kommt er nach Fürstenberg, wo er zunächst als Notar arbeitet. Als der Kirchbau beginnt, ist er Richter am Patrimonialgericht und verheiratet mit Catharina Vasbach. Coßmann verwaltet gleichzeitig das Vermögen der Herren von Westphalen und ist auch als ihr Archivar tätig. Er genießt die besondere Wertschätzung seines Dienstherrn. Denn zu Paten seines erstgeborenen Sohnes, der den Namen Liborius erhält, werden der Drost und seine Cousine Ferdinandine von der Asseburg. Patin der Tochter Franziska ist des Drosten Ehefrau Theresia von Brabeck.

Coßmanns Ehefrau stirbt ein halbes Jahr nach der Geburt einer Tochter und wird am 25. April 1754 in Fürstenberg begraben. Mit seiner Frau in zweiter Ehe, Helena Lange, hat er fünf weitere Kinder: Theresia, Wilhelm, Clementina, Theodorus und Magdalena. Die Patenschaft der Tochter Theresia übernimmt 1756 Ferdinandine von der Asseburg. Dem Sohn Theodorus ist 1763 der Bischof von Hildesheim, Friedrich Wilhelm von Westphalen, Pate. Als Heinrich Anton Coßmann am 20. Oktober 1780 im Kirchenraum begraben wird, trägt er den Titel eines Hofrats des Fürstbischofs zu Hildesheim.

Das Kreuzgewölbe im Chor der Kirche wird 1755 geschlossen. Clemens August von Westphalen heiratet in diesem Jahr nach dem Tode seiner Ehefrau Theresia von Brabeck in zweiter Ehe seine Cousine Ferdinandine von der Asseburg, was beide mit ihrem Allianzwappen im Chorschluss dokumentieren.

Das gesamte Bauwerk wird innen und außen mit Kalkmörtel verputzt. Das Dach wird mit Eichenbrettern verschalt und mit Schiefer eingedeckt. Sechs sehr hoch angesetzte Fenster im Langschiff und vier weitere im Chor mit klarem Glas und in Blei gefasst lassen viel Licht in den hohen, nach Osten ausgerichteten Raum.

Die Kirche wird am 3. Oktober 1758 oder sogar schon zwei Jahre früher von Weihbischof Franz Josef Graf von Gondola in Anwesenheit der Prälaten der Klöster Böddeken und Dalheim eingeweiht. Die Inventarverzeichnisse der Kirche geben mehrfach an: „Das Gebäude ist mit Einschluss des Turmes in den Jahren 1750 bis 1758 ... neu aufgeführt.“[14] Im Grundbuch der Pfarrei Fürstenberg, angelegt durch Pastor Wilhelm Batsche, ist die Jahreszahl 1758 durch Messerschabung in 1756 geändert worden. Über die Tätigkeit des Bischofs Gondola im Herbst 1756 ist bekannt, dass er am 6. September zur Firmung in Lügde war, am 18. September heilige Weihen in der Kirche zu Sassenberg vornahm und am 3. Oktober 1756 die Kirche in Fürstenberg konsekrierte.[15] Diese Angaben sollen urkundlich gesichert sein und fußen auf einer älteren Quelle[16] mit der Aussage: „Einer von Bischof von Tempe (Gondola) vollzogenen Kirchweihe wird in unserer Quelle nur zweimal Erwähnung gethan. ...und am 3. Oktober des folgenden Jahres (Anmerk. d. Verfassers: das ist 1756) die Kirche zu Fürstenberg.“ Dazu wird in der Fußnote 6 angemerkt: „Nach einer handschriftlichen Nachricht in der Theodor. Bibliothek.“[17]

Zu der Zeit ist der Innenausbau der Kirche aber längst nicht fertig. Man lebt noch mit Provisorien. Der Siebenjährige Krieg (1756-1763) lähmt die Wirtschaft des Hochstifts Paderborn und auch die Gemeinde. Das Fürstbistum wird mehrfach von Truppen besetzt. Soldaten aus Hannover, Braunschweig und Sachsen-Gotha beziehen Quartier in den Häusern und müssen verpflegt werden. Erst 1761 werden die beiden Seiteneingänge des Gebäudes mit Türen verschlossen. Der Eisenschmied hat seine Bitte an die Tür geschlagen: O Herr gedenke meiner, wenn ich komme in dein Reich!

Für eine angemessene Ausstattung sorgt in den folgenden Jahren der jüngere Bruder des Drosten, Friedrich Wilhelm von Westphalen, geboren am 5. April 1727 zu Paderborn. Er wird im Februar 1763 zum Bischof von Hildesheim gewählt und am 23. Oktober im Hildesheimer Dom durch seinen Onkel, den Paderborner Fürstbischof Wilhelm Anton von der Asseburg, geweiht.

Friedrich Wilhelm von Westphalen kennt und schätzt den Bildhauer Joseph Stratmann, der 1736 in Paderborn geboren ist. Joseph Stratmann heiratet mit 32 Jahren Christina Vollmer aus Geseke und verlegt 1773 Wohnsitz und Werkstatt nach dort. Als Bildhauer arbeitet er häufig für die Adelsfamilien des Paderborner Landes und so auch für den Fürstbischof von Hildesheim. Die beiden Figuren der Immaculata und des Hl. Joseph in der Kapelle der Familie von Westphalen zu Schloss Laer bei Meschede, deren Altar der Hildesheimer Bischof 1768 gestiftet hat, sind von Joseph Stratmann geschaffen. Im Auftrag des Bischofs arbeitet er 1772 an der Ausstattung der Kapuzinerkirche in Hildesheim und daran anschließend am Hochaltar im dortigen Dom.

Auch zur Ausstattung von St. Marien in Fürstenberg holt sich der Hildesheimer Bischof den Bildhauer Stratmann. Dem Zeitgeist entsprechend erhält die Kirche eine Dreiheit von Hauptaltar im Chorraum und zwei flankierenden Seitenaltären im Langhaus.
Die geschwungene Kommunionbank bildet eine deutliche Schranke und trennt das sogenannte ‚Chörchen’ der Adelsfamilie sowie den Altarraum vom Hauptschiff. Hier hat das Volk in den Kirchenbänken seinen Platz. „Das Gebäude ist für die hiesige Pfarrgemeinde hinlänglich geräumig und gut konstruiert,“ steht in den Inventarverzeichnissen.[18]

Zwei feste Beichtstühle sind in die Nischen unter den Fenstern nahe der Seitenaltäre eingebaut. Auf der Südseite ist es der Stuhl des Pastors, ihm gegenüber sitzt der Vikar. Der bauchig geformte Kanzelkorb, über dem ein vierseitig geschwungener Schalldeckel hängt, ist am südlichen Strebepfeiler im vorderen Drittel des Hauptschiffs angebracht. Über eine mit einer Tür verschlossenen Treppe kann der Priester die Kanzel ersteigen. Ursprünglich ist ihr Standort an der Grenze von Chor und Langhaus vorgesehen. Im westlichen Teil des Hauptschiffs erhebt sich eine durch zwei Säulen getragene Empore mit einer in den Raum schwingenden Brüstung. Das fürstbischöfliche Wappen über dem Bild des Hochaltars, an der Kommunionbank und an der Brüstung der Empore zeigt, dass diese Teile der Ausstattung nach 1773 entstanden sind, als Friedrich Wilhelm von Westphalen bereits zum Nachfolger für den Bischofsstuhl in Paderborn designiert ist.

Zu dieser Zeit schafft Joseph Stratmann die Altarskulpturen des Hl. Liborius und des Hl. Clemens und die beiden Putten neben dem Tabernakel des Hauptaltares. Auch die Seitenaltäre sind vermutlich um diese Zeit entstanden. Der linke Altar mit dem Bild des Hl. Antonius von Padua ist vom Drosten Clemens August von Westphalen und Ferdinandine von der Asseburg gestiftet, wie deren Wappen ausweist. Der rechte Altar mit dem Bild des Hl. Stephanus ist wahrscheinlich von der Gemeinde selbst in Auftrag gegeben, da ihm ein Adelswappen fehlt.

Auch Anton Stratmann (1734-1807), der ältere Bruder des Bildhauers, hat bereits mehrfach für die Familien von Westphalen und von der Asseburg als Portraitmaler gearbeitet. Er ist der überragende westfälische Maler im ausgehenden Rokoko.[19] In St. Marien malt er das Altarbild des rechten Seitenaltars, während sein Bruder Joseph die beiden Seitenfiguren Stephanus und Laurentius schafft. Auch die Magdalena des Kreuzaltars im südlichen Querschiff stammt von Joseph Stratmann.[20] Denkbar ist, dass Anton Stratmann auch das ursprüngliche Bild über dem Hauptaltar gemalt hat, von dem nur der mit dem Wappen gekrönte Rahmen erhalten bleibt.

Die Kirche ist jetzt fast fertig ausgestattet. Nur die Anschaffung einer angemessenen Orgel, die ihren Platz auf der Empore erhalten soll, muss noch folgen. Doch der Orgel stellen sich Hindernisse in den Weg. Der großzügige Förderer des Kirchenbaus, Drost Clemens August von Westphalen, stirbt 1777 in Hildesheim. Dann trifft am 30. März 1780 das Dorf ein großes Unglück. Durch Unvorsichtigkeit beim Flachstrocknen an einer Herdstelle bricht ein Brand aus. Der schönste Teil von Fürstenberg, 52 Häuser mitten im Dorf, werden ein Raub der Flammen. Und es kommt noch schlimmer. Nach einer Missernte durch Hagelschlag und Mausefraß im Vorjahr mangelt es an Back- und Saatkorn. Über 50 Pferde und Kühe, die vielen Schweine nicht gerechnet, sind schon krepiert. „Ein jeder schreit Ach und Weh, da er schwarze Hungersnot jämmerlich leiden muss,“ steht in einem Klagebrief an den Landtag des Fürstbistums mit der dringenden Bitte um Steuerermäßigung.[21]

Im Oktober des gleichen Jahres wird vom Fürstbischof Wilhelm Anton von der Asseburg eine neue Holzordnung veröffentlicht, gegen die von der Gemeinde ein Prozess geführt wird. Während sich die Sache hinzieht und bis zum Reichskammergericht gelangt, rebellieren die Bewohner gegen die Obrigkeit. Militär aus Paderborn rückt mit 60 Mann ins Dorf ein und vollstreckt die Strafen. Die Vorsteher Meinolph Henneken und Anton Claus werden für 14 Tage ins Zuchthaus gesperrt. Vieh wird gepfändet und Brautöpfe und Kochtöpfe dazu. Alles soll am Amtshof in Wünnenberg verkauft werden. Die Verbitterung zwischen Gemeinde und Gutherrschaft erreicht ihren höchsten Grad.[22] Selbst der Pastor wird in die Streitigkeiten verwickelt und muss resignieren.

Erst dreißig Jahre sind seit dem Bau des Turmes vergangen und jetzt scheint die Gemeinde am Ende. Und sie hat zwei Kirchen zu unterhalten. Denn die Instandhaltung von Langschiff und Turm fällt der Gemeinde zu, während der Chorraum von der Herrschaft in baulicher Hinsicht unterhalten wird.[23] Dazu kommt die Kirche im Tal. Sie droht zu verfallen. Die Gelder für dringend nötige Reparaturen können nicht aufgebracht werden. Im Jahr 1780 gibt Fürstbischof Wilhelm Anton von der Asseburg die Erlaubnis: Die Vesperther Kirche darf abgebrochen werden. Auf dem Kirchhof wird die Gemeinde jedoch weiterhin ihre Toten bestatten.[24]

Fürstbischof Friedrich Wilhelm, der großzügige Stifter der Kirchenausstattung, wird mit dem Tod seines Onkels am 26. Dezember 1782 auch Bischof von Paderborn. Er baut das Schloss Fürstenberg auf den Grundmauern der alten Burg völlig neu auf. Doch er wird nicht häufig darin wohnen. Nach längerer Krankheit stirbt er am 6. Januar 1789 in Hildesheim und wird im dortigen Dom bestattet. Sein Neffe Clemens August beerbt ihn, wie zuvor schon seinen Großonkel, den Fürstbischof Wilhelm Anton von der Asseburg. Clemens August von Westphalen darf die beim Schloss stehende alte Kapelle 1791 abbrechen lassen, da sie seit vielen Jahren nicht mehr gebraucht wird.

Als der Burggraf zu Friedberg 1818 in Frankfurt verstorben ist, wird sein Herz in St. Marien bestattet. Die Grabinschrift zum Gedenken an den Verstorbenen ist der letzte sichtbare Hinweis auf früher genutzte Begräbnisstätten innerhalb des Kirchenraumes.

 

[1] Pf A Fü A 1 1750/03/02

[2] Geldspenden

[3] Pf A Fü A 1 1750/03/02

[4] Pf A Fü B 1 status modernus ecclesiae 1688

[5] Stdt A Wü A 244 (1823)

[6] Ein Balthasar aus Tirol hat das Haus des Heinrich Schimpf aufgebaut, dafür erhält er 35 Taler. Pf A Fü A 1 1731/11/10

[7] NOLTE, B., NOLTE, N., 1996; S. 241 ff.

[8] EBAP Acta spezialia Bd. 150 blau Fürstenberg Folio 231

[9] NOLTE, B., NOLTE, N., 1996; S. 245

[10] NOLTE, B., NOLTE, N., 1996; S. 247

[11] Pf A Fü A 12 1839/09/07

[12] Pf A Fü B 1 1756/09/30

[13] EBAP Acta spezialia Bd. 150 blau Fürstenberg Folio 236 1757/03/18

[14] Pf A Fü A 12 1839/09/07

[15] BRANDT/HENGST, 1986; S. 135

[16] EVELT 1869; S. 164

[17] Diese Aussage konnte bei der Recherche in zwei Handschriften (HS XXVIII Protocollum domesticum actuum Pontificalium u. Handschrift des Paderborner Studienfonds PA 119 Protocollum functionumum Episcopalium) nicht gesichert werden.

 

[18] Pf A Fü A 12 1833

[19] nach ZINK, J., 1985; S. 165 ff.

[20] vgl. ZINK, J., 1985; S. 202 ff.

[21] EBAP Acta spezialia Bd. 150 blau Fürstenberg Folio 274 f.

[22] NOLTE, B., 1984; S. 16 f.

[23] Pf A Fü A 3 1844

[24] NOLTE, B., 1984; S. 14

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Kapitel 8 (Auswahl: Backhaus, Schmidt, Tillmann)

„Sie sind mir ein wirklicher Seelsorger“ - Priester und Ordensleute aus Fürstenberg

Backhaus, Georg Heinrich, wird am 15. Februar 1812 in Paderborn geboren, hat seine Wurzeln aber in Fürstenberg. Nach Studien in Würzburg wird Heinrich Backhaus 1836 zum Priester geweiht. Als Missionar geht er über Irland nach Indien und 1846 nach Australien. Während des Goldrush ist er Missionspriester bei den Goldsuchern am Bendigo Creek. Er wird dort als hervorragender Pianist, homöopathischer Arzt und kluger Geschäftsmann beschrieben.[1] Ende 1863 bricht er zu einer längeren Reise in seine Heimat auf. Dabei besucht er auch Fürstenberg und stiftet der Pfarrei St. Marien 150 Taler, deren Zinserträge er „zur Unterhaltung der ewigen Lampe vor dem Allerheiligsten“ bestimmt.[2] Im Alter von 71 Jahren stirbt Reverend Dr. Backhaus am 7. September 1882 und wird auf dem Friedhof der St. Kilians Kirche in Bendigo, Victoria, begraben.

 

[1] http://www.webcore.com.au/clancy/04_ch4.html, 2008/02/08: “an outstanding pianist, a skilled practitioner of homoeopathic medicines, an astute businessman”

[2] Pf A Fü A 12 1869/08/20

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Schmidt, Friedrich Wilhelm, ist am 08. April 1833 als Sohn des Hufschmieds Franz Schmidt, genannt Bussens, und seiner Ehefrau Franziska Wessel an der Pickelstraße geboren. Nach dem Studium der Theologie wird er 1857 in Paderborn zum Priester geweiht. Nach Tätigkeiten als Kaplan in Netphen und Missionar in Freudenberg tritt Wilhelm Schmidt 1861 in die Kongregation der Vinzentiner C.M. ein. Als Ordensmann wird er Leiter des bischöflichen Konvikts in Hildesheim. Gleichzeitig studiert er bei dem Rabbiner Meyer Landsberg orientalische Sprachen. Im Zuge des Kulturkampfes muss Wilhelm Schmidt Deutschland verlassen. Als Missionar der Lazaristen geht er nach Tripolis in Syrien. Von dort wird er 1890 als Leiter der Einrichtungen des Deutschen Vereins vom Heiligen Land nach Jerusalem berufen. Er baut die kurz zuvor gegründete Mädchenschule weiter aus. Kaiser Wilhelm II. schenkt dem Repräsentanten des Deutschen Vereins vom Heiligen Land das Grundstück der Dormitio Beatae Mariae Virginis auf dem Zion. Zusammen mit dem Kölner Diözesanbaumeister Heinrich Renard plant Pater Wilhelm Schmidt die Basilika Hagia Maria Sion und lässt Baupläne für das Paulus Hospiz vor dem Damaskustor erstellen. Zum Kaiser, der in Wilhelm Schmidt einen Mann sieht, der die Interessen des Deutschen Reiches in Palästina hervorragend vertreten kann, hat er ein persönliches Verhältnis.
Mit den besten Wünschen für ein weiteres Wachsen und Wirken der katholisch deutschen frommen Stätten in der heiligen Stadt verbleibe Ich Ihr wohlgeneigter und dankbarer Wilhelm I. R. -  Hubertusstock, den 12. Oktober 1904 - An den Direktor des katholischen deutschen Hospizes P. Schmidt in Jerusalem[2]
Sein 50jähriges Priesterjubiläum feiert Pater Schmidt am 17. August 1907 in Jerusalem. Am Tag darauf reist er nach Deutschland. Am 30. November erliegt er den Folgen eines Unfalls mit einer Straßenbahn in Köln. Pater Wilhelm Schmidt wird auf dem Friedhof Melaten begraben.[3] Der Orientreisende Wilhelm von Keppler schreibt über ihn: „P. Schmidt, feingebildet und in Palästina und der Palästinaliteratur im vollen Sinn zu Hause“, hat in Jerusalem den Grundstock für eine hervorragende Gelehrtenbibliothek gelegt. Wilhelm Schmidt nennt dem späteren Bischof von Rottenburg als Ziel seiner Schule: „Dass man die Kinder für ihr eigenes Land erzieht, ist ein Vorzug.“[4] Auf dieses Bildungsziel beruft sich noch heute der Leiter der renommierten Schmidt-Schule in Jerusalem.
Am SGC (Schmidt’s-Girls-College) erhalten zur Zeit mehr als 500 Schülerinnen, von denen 80 % Muslime sind und die „Schmidts Mädchen“ genannt werden, eine qualifizierte Ausbildung von der Vorschule bis zum Abitur.[5] In Fürstenberg ist seit 2007 eine Straße nach Pater Wilhelm Schmidt benannt.

 

[1] Stdt A Wü A 258 1890

[2] MOCK, S., SCHÄBITZ, M., 2005; S. 24

[3] CRAMER, V., 1956; S. 32 f. S. 87

[4] KEPPLER, P. W., 1895; S. 320 ff.

[5] Radiointerview Nikolaus Kircher: www.horeb.org/xyz/podcast/standp/standpunkt.xml 2008/01/07

 

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Tillmann, Joseph, ist am 06. Januar 1753 als fünftes von elf Kindern des Joan Jürgen Tillmann geboren. Nach Studium und Priesterweihe wird Joseph Tillmann 1781 Kaplan und ein Jahr später Pfarrer in Erkeln bei Brakel. „Auf Gutheißen“ des letzten Fürstbischofs von Paderborn, des Freiherrn Franz Egon von Fürstenberg, erscheint 1796 in Paderborn das Gesang- und Gebetbuch von Joseph Tillmann, als: „Katholisches Gesangbuch nach den alten und bekannten Melodien mit einem Gebetbuche zum Gebrauche bei dem öffentlichen Gottesdienste und der Hausandacht.“ Der Gesangsteil, der auch Gebete enthält, hat keine Noten, sondern verweist unter Angabe der Kopfzeile auf alte, in Paderborn beliebte Melodien zu den fast durchgängig neuen Texten, die ausnahmslos auf Deutsch verfasst sind. Die Melodienangaben lassen Rückschlüsse auf jene Lieder zu, die bei Erscheinen des Tillmannschen Gesangbuchs im Bistum Paderborn bekannt sind.[1] Das Buch erlebt 13 Auflagen. Die letzte erscheint „mit Genehmigung des hochw. Bischofs Conradus“ in der Junfermann’schen Buchhandlung, ehe es vom „Sursum Corda“ abgelöst wird. Gestorben ist Joseph Tillmann am 20. Januar 1819 in Erkeln.
Alleluja! Auferstanden
aus des dunklen Grabes Banden
ist der Herr, der uns befreit,
der am Kreuz den Tod bezwungen
und des Vaters Huld errungen:
Jubelt ihm, ihr Lande weit!
Gotteslob 852 Text: Tillmanns Gesangbuch 1802

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