Schlesien-Siedler aus Helmern

Anton Finke, Gekürzter Bericht aus Die Warte Nr. 99, 1998 S. 23 – 25

Die Dorfchronik Helmern nennt in den Jahren 1929 bis 1932 wiederholt Familien, die in Helmern Haus und Hof verkauft hatten, um in Schlesien zu siedeln. Was mag diese Menschen veranlasst haben, dass sie ihre angestammte Heimat damals aufzugeben hatten? Erst wenn man die Geschehnisse einer Zeit einander zuordnet, werden die auslösenden Momente erkennbarer.

Denn das, was dort unter der Jahreszahl 1932 im weiteren Verlauf geschrieben steht, ist schlichtweg erschütternd. Zum Beispiel lesen wir dort:

"Täglich kommen eine Anzahl Leute aus den Städten, um hier Korn oder andere Lebensmittel zu sammeln: Viele junge Leute, die gern in der Industrie, im Gewerbe oder in der Landwirtschaft Beschäftigung finden möchten, sind auch hier arbeitslos im elterlichen Hause.'

Weiter lesen wir dort, dass allein durch die Stillegung des Tudorfer Zementwerkes über fünfzehn Helmerner arbeitslos geworden waren. Zudem wird noch berichtet: "Wegen der Notzeit verzichtete der Schützenverein auf das hergebrachte Fest Man feierte stattdessen am zweiten Pfingsttag ein Bürgerfest.'

Diese wenigen Zeilen lassen erkennen, welch armseligen Verhältnissen manche Menschen zu der Zeit ausgesetzt waren. Aber gerade weil die wirtschaftlichen Aussichten so trübe waren, fassten einzelne Familien, aber auch nachgeborene Bauernsöhne den Mut, in Schlesien zu siedeln. Auf der Grundlage des Reichssiedlungsgesetzes vom 11. August 1919 wurde damals siedlungswilligen Familien die Möglichkeit geboten, sich in Schlesien, auf aufgelösten Gütern anzusiedeln, um dort Vollerwerbsstellen anzutreten.

Den Anfang hatte die Familie Konrad Peters schon im Jahre 1929 gemacht. Nachdem Peters in Helmern Haus, Hof und Land verkauft hatten, waren sie nach Dalbersdorf in Schlesien aufgebrochen, um dort zu siedeln. Das vorhandene Vieh, ihr Mobiliar, aber auch die Ackergeräte hatten sie mit in die neue Heimat genommen.

Ein Jahr später hatten dann auch die Familien Martin Schmelter und Anton Rosenkranz (alles, was nicht mitzunehmen war, verkauft. Mit der restlichen Habe waren sie ebenfalls nach Schlesien gezogen, denn auch ihnen war je eine Siedlerstelle in Dalbersdorf zugeteilt worden.

Auch den Brüdern Wilhelm und Johannes Diermann war noch im selben Jahr jeweils eine Siedlerstelle zuerkannt worden. Ausgestattet mit ihrem Kindesteil, waren sie dann dort hingezogen. Johannes hatte allerdings zuvor ein Problem zu lösen, denn er hatte zu der Zeit weder Frau noch Freundin gehabt. Kurzentschlossen war er zu Meiers Grete gegangen und hatte sie mit der Frage überrumpelt: "Gretchen, töis dou met mey na Schlesien?" Natürlich war Grete sehr überrascht gewesen, hatte aber zu seiner großen Freude gesagt, dass sie es mit ihm wagen würde. Schon bald darauf hatten sie geheiratet und sich dann auf den Weg gemacht.

1932 waren dann die Familien Anton Kaiser und Theodor Demandt aufgebrochen, um in Köben ihre Siedlerstellen anzutreten.

Im März 1933 hatten dann auch Xaver und Anna Discher ebenfalls in Köben gesiedelt. Die Hofstelle hatte schon im Herbst 1932 zur Verfügung gestanden. Aber es hatte Schwierigkeiten gegeben, denn auch Xaver war noch los und ledig gewesen. Den Hof allein bewirtschaften mochte er nicht, er wollte vorab heiraten. Am 18. Februar 1933 war ihre Hochzeit gewesen. Knapp drei Wochen später hatten sie sich dann auf den Weg gemacht. Sie waren aber nicht gemeinsam, sondern getrennt gefahren, und das hatte seinen Grund: Die Dischers hatten sich zwischenzeitlich beim Stellmacher Demandt in Helmern einen neuen Ackerwagen und auch ein komplettes Kuhgitter für ihren künftigen Milchviehstall bauen lassen. Pflug und Eggen hatten sie vom Dorfschmied bezogen. Außerdem hatten sie einen neuen Futterdämpfer gekauft. Das Motorrad, mit dem Xaver alle Tage zur Arbeit gefahren war, hatte er "verscherbelt". Für den Erlös hatten sie eine Zentrifuge gekauft. Am 8. März hatten sie dann auf dem Bahnhof Borchen all diese Gerätschaften in zwei Güterwagen der Deutschen Reichsbahn verfrachtet. Auch drei Kühe, ein Rind und fünf Schweine waren noch dazu gekommen. Um das Vieh während der zweitägigen Fahrt von Borchen zum Bahnhof Culmina in der Nähe von Köben versorgen zu können, war Xaver im Güterzug verblieben. Anna war ihm dann ein paar Tage später in einem normalen Reisezug gefolgt. So wie die Dischers hatten auch alle übrigen Siedler den Weg in die neue Heimat mit der Reichsbahn angetreten.

Noch einen anderen Helmerner, nämlich Anton Kaup hatte es ebenfalls nach Schlesien verschlagen. Er war bei der Familie Plempe in Meerhof als Knecht in Diensten gewesen. Als diese Familie nach Schlesien aufgebrochen war, war er mit ihr gezogen. Dort war er aber nicht allzu lange verblieben, denn er hatte schon bald bei der Familie Hensel in Nährschütz eingeheiratet.

Am 23. Januar 1945, mussten auch die Köbener in überstürzter Eile vor der sowjetischen Armee fliehen. Da der Ort schon unter Beschuss gelegen hatte, war es nur einem Teil der Köbener möglich gewesen, sich in Richtung Westen abzusetzen. Der Rest war gezwungen, sich mit den Trecks nach Süden in Richtung Sudetenland abzusetzen. Bei minus 20 Grad hatten sie die Flucht angetreten. Im hügellosen Schlesien waren die Ackerwagen ohne Bremsen ausgestattet. Dadurch bedingt war es bei der Durchquerung des Gebirges bei den winterlichen Verhältnissen oftmals zu atemberaubenden Situationen gekommen.

Etwa Mitte Mai 1945, nachdem der Krieg beendet war, waren auch die schlesischen Flüchtlinge im Sudetenland wieder aufgebrochen, um nun in Richtung Westen zu ziehen. An der jetzt tschechischen Grenze angekommen, mussten die Heimkehrer ihre Gespanne samt ihren Fuhrwerken und die darauf befindliche Habe zurücklassen. Nur mit dem, was sie am Leibe hatten, und einem kleinen Handkoffer konnten sie die Grenze überschreiten.