Die Schützengesellschaft

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  Schützenregeln

Festschrift

Hrsg.:St.-Meinolfus Schützenbruderschaft Fürstenberg, 1994

Bernhard Nolte, Schützengesellschaft

Bernhard Nolte, Schützenregeln

Helmut Münster, Schützenbruderschaft

Elmar Nübold, Auf der Grundlage christlichen Glaubens

 

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Die Schützengesellschaft

In Fürstenberg trat 1872 ein Kriegerverein an die Stelle der weitaus älteren und traditionell an den Grundherrn gebundenen Schützenkompanie. Denn schon 1694 hatte Wilhelm Westphalen die bestehende Fürstenberger Schützenkompanie mit Regeln versehen. In diesem Jahr hatte er in der Nachfolge seines Vaters Lubbert Jobst den Fürstenberg samt allen Ein- und Zubehörigen vom Paderborner Fürstbischof als Lehen übernommen.

Die Schützenbrüder bildeten eine Gesell- und Bruderschaft. Jährlich mußten sie zwei fundierten Messen beiwohnen. Bei einer angedrohten Strafe von vier Mariengroschen waren die Schützen verpflichtet, die Leiche eines verstorbenen Schützenbruders zum Grabe zu geleiten. Weiter war es ihre Aufgabe, zwei Prozessionen zu begleiten. Zu Johannitag eines jeden Jahres schossen sie auf die Scheibe, um den besten Schützen zu ermitteln. An diesem Tag feierten sie ein Volksfest mit Biergelag, wozu ein jeder Schütze für sich und seine Frau dem Rendanten der Gilde zwei Spint Gerste liefern musste.

Mit der Musik der Pfeifen und lautem Trommelschlag marschierte die Schützengesellschaft zum Festplatz. Die Fürstenberger Schützen hielten ihr Schießen auf dem sogenannten Eckernkamp ab. Der Eckernkamp war eine zur gemeinschaftlichen Hütung des Viehs genutzte Grasfläche von sechs Morgen Größe. Er lag an der Kuhtrift vor dem Waldbezirk Hirse. Dort wurde auch das Festzelt aufgeschlagen.

Der beste Schütze erhielt einen Hut mit seidenen Bändern als Zeichen seiner Königswürde. Da die Fürstenberger Schützengesellschaft weder Vermögen besaß noch sonstige Einnahmen vorweisen konnte, legte der Rendant die Ausgaben für die Scheibe und den Königshut, das waren ein paar Mariengroschen, auf die Mitglieder um. Während des Schützengelages wurde mit Frohsinn getanzt.

Außer an den beiden Feiertagen Fronleichnam und Johanni fanden keine weiteren Versammlungen der Schützen statt. Bei allen Veranstaltungen forderten die überlieferten Regeln ein sittliches Betragen. Eine Ordnungsstrafe war jedem angedroht, der gegen dieses Statut verstieß.

Die Fürstenberger Schützengesellschaft unterschied sich in ihren Bräuchen und in ihrem derzeitigen Zustand kaum von den übrigen Gesellschaften der Kantone Büren und Wünnenberg, wie aus den gesammelten Berichten der Ortsbeamten deutlich wird.  Die Schützen waren bei der preußischen Obrigkeit mehr als umstritten, da sie ihre Schutz und Ordnungsfunktion seit langem verloren hatten. Früher hatten sie bei der Arretierung und dem Transport von Verbrechern und Vagabunden geholfen. Diese Aufgaben übernahm jetzt der Gendarm oder das preußische Militär.

Der Bürener Landrat von Hartmann, der von 1803 bis 1816 als Amtmann, Steuereinnehmer und Richter in Fürstenberg tätig gewesen war, und der die lokalen Verhältnisse sehr gut kannte, merkte in seinem Bericht dazu an, dass die Schützengesellschaften nicht mehr nach ihren Regeln lebten. Das Scheibenschießen sei gar mit Gefahr verbunden, da ordentliche Gewehre nicht vorhanden seien. Das Schießen sei eine wahre Plackerei. Weiter monierte er, dass die jährlichen Versammlungen in bloße Trinkgelage ausgeartet seien. Dadurch würde nur die Arbeit versäumt. Durch die geräuschvolle Begleitung der Schützen sei die Andacht bei den Prozessionen oft gestört. Nicht zuletzt seien die Kosten für das Festgelage zu hoch und für manchen sparsam Bemittelten nicht aufzubringen.

Bei aller Kritik wollte der Landrat die Schützengesellschaften jedoch nicht aufgehoben sehen, da er wusste, dass der „Landmann auf ein solches Institut sehr hält“. Er schlug deshalb der Regierung vor, die Männer der preußischen Landwehr nach und nach in die Schützengesellschaften aufzunehmen und unter ihrer kundigen Aufsicht jährlich einige Male Schießübungen zu veranstalten. Er erhoffte sich damit eine bessere Ordnung und den Einzug militärischen Geistes in die Schützengesellschaft. Ob das in deren Sinn war, ist anzuzweifeln, denn der Ortsbeamte und Schützencapitain Rempe schloss seinen vom Landrat im Oktober 1819 angeforderten Bericht mit dem Bemerken ab: „Eine Waffenübung kann dem eigentlichen Zweck nicht entsprechen.“ Vor dem Hintergrund der kriegerischen Zeiten war es nur zu verständlich, dass beim einfachen Volk nur schwerlich Begeisterung für militärische Übungen aufkommen wollte.

Die Landbevölkerung hatte im Militär, ob es sich um Freund oder Feind handelte, stets eine Plage gesehen. Es nahm den Bauern ihre Ernte und ihr Hab und Gut. Es forderte von ihnen Arbeitsleistungen und zwang ihre Söhne zum Dienst. Deshalb machten die ersten Aushebungen zum preußischen Militärdienst viele Schwierigkeiten.

Als die französische Regierung im Jahr 1807 die Staatsgeschäfte übernahm, keimte Hoffnung auf Besserung der Rechts- und Lebensverhältnisse auf. Doch schon nach wenigen Jahren erwiesen sich deren Steuerforderungen und die erzwungenen Kriegsanleihen noch drückender als die früherer Regierungen. Ständig waren Einquartierungen oder der Durchzug ganzer Armeen zu erwarten, was für die Kommune Zwangsabgaben an Futter, Fuhrdienste, Vorspann und Abgabe von Pferden bedeutete. Kaum waren die Franzosen von den Kosaken vertrieben und preußische Jäger nachgerückt, verlangten auch diese Ausrüstung und 12 Schießbüchsen. Allein in den Jahren 1812 bis 1814 hatte die Gemeinde Fürstenberg neben zahlreichen Naturallieferungen 1200 Taler in bar, 415 vierspännige Kriegerfuhren, 80 Vorlegepferde und 56 Reitpferde stellen müssen. Von 1808 bis 1818 hatten 158 Männer des Dorfes beim Militär unter Waffen gestanden. 28 der rekrutierten Soldaten waren dabei umgekommen.

Nach einem vorübergehenden Verbot durch die Franzosen fand sich die Schützengesellschaft unter den Preußen bald wieder in hergebrachter Weise zusammen, um ein Volksfest mit Musik und Tanz zu veranstalten. Joseph Graf Westphalen, der Stiefvater und Vormund des zukünftigen Erben Clemens August, nutzte die wiedergewonnene Stärke, die der Adel unter der preußischen Herrschaft bald erreicht hatte, um so, wie seine Vorfahren es getan hatten, die politische Führung des Dorfes zu übernehmen. Ein Ausdruck dieses Führungsanspruchs waren auch die erneuerten Schützenregeln von 1821.

Diese Regeln forderten von den Schützenbrüdern Anstand bei den Zusammenkünften und Gehorsam gegenüber ihren Vorgesetzten. Die Anzugsordnung verlangte, dass die einfachen Schützen einen anständigen Rock, Handschuhe und eine Flinte trugen. Den Offizieren war zusätzlich ein Degen und eine Uniformmütze vorgeschrieben. Der Schützendiener und der Trommler riefen die Schützen auf, den feierlichen Messen beizuwohnen oder Prozessionen und Begräbnisse zu begleiten. Jeder Schützenbruder war verpflichtet, auf den sorgsamen Umgang mit offenem Feuer zu achten und bei Ausbruch eines Brandes, „was Gott verhüten wolle“, schleunigst an der Brandstelle zu helfen.

Am Schützengelage durften nur die Schützen, ihre Frauen und die von den Offizieren geladenen Ehrengäste teilnehmen. Das Festbier der Schützen hatte ein dazu beauftragter Brauer aus der zuvor abgelieferten Gerste gebraut. Wer Branntwein trinken wollte, musste das auf eigene Rechnung tun. Das Schützengelage sollte nach den Regeln um neun Uhr abends enden. Auf Johannistag sollten die Schützen der Reihe nach unter der Aufsicht erfahrener Landwehrmänner auf die Scheibe oder den hölzernen Vogel schießen.

Am Pfingstfest des Jahres 1821 schenkte Joseph Graf Westphalen zum Gedenken an seinen drei Jahre zuvor in Frankfurt verstorbenen Vater Clemens August, Burggraf zu Friedberg, der Schützencompagnie eine neue, schön bemalte Fahne. Durch den Pastor Heinrich Batsche ließ er sie vor dem Schloss der Bruderschaft der Schützen feierlich übergeben. Nach der Fahnenübergabe verlas der Schützencapitain die erneuerten Schützenregeln. Jeder Schütze musste unter der Fahne geloben, diese Regeln getreu zu befolgen. Drei Salven Salut aus den schweren Vorderladergewehren und ein dreifaches Hoch auf das hochgräfliche Haus beendeten den feierlichen Akt, der vor zahlreichen Zuschauern stattgefunden hatte. Zum Abschluss wurde die neue Fahne an ihren bestimmten Platz zur sicheren Verwahrung gebracht. Den besten Schuss auf die Scheibe tat in diesem Jahr der Wagner Heinrich Riese, der als König den von der gräflichen Familie ausgesetzten Preis entgegennehmen durfte: „vier Ellen schönes Wand zum Kleyde und einen feinen Huth“.

Graf Joseph Westphalen hatte die Schützenregeln sicher auch in der Absicht erneuert, eine verfügbare Ordnungsmacht in der Dorfgemeinschaft zu schaffen. Erst zwei Jahre zuvor im Jahre 1819 hatte er miterleben müssen, wie sich die zehntpflichtigen Bauern gegen die mit aller Strenge vorgetragenen Forderungen seines Gutspächters Kamlah aufgelehnt hatten. Allen voran waren die Frauen gegangen, die mit Erdkluten die Zehntsammler und den sie begleitenden Gendarmen von den Kartoffeläckern vertrieben hatten.

Nach der Übernahme des Familienvermögens hielt Graf Clemens von Westphalen 1829 seinen Einzug in das Dorf. Er wurde von der Schützenkompanie feierlich empfangen. Alle Kirchenglocken läuteten, und die Schützen ließen ihre Kanonen und Katzenköpfe krachen. Der junge Graf war so gerührt, dass er der Schützenkompanie ein Geldgeschenk von 50 Talern machte.

Während in den folgenden Jahren etliche Schützengesellschaften der Nachbarorte eingingen, blieben sie in Essentho, Wünnenberg und Fürstenberg bestehen. Als der Kantonsbeamte Gockeln im Jahr 1830 einen Nachweis über die stattfindenden Schützenfeste verlangte, konnte ihm der Ortsbeamte Johannes Hasse, der dem Schützencapitain Caspar Rempe 1820 im Amt gefolgt war, berichten, dass die Fürstenberger Schützen aus 60 Mann mit Tambour und Pfeifen bestanden. Jedes Jahr hielten sie fünf Versammlungen ab: am 1. Mai, auf Fronleichnam und Antoni, an diesen beiden Tagen, um die Prozession zu begleiten, auf Johanni, um auf die Scheibe zu schießen, und am Festtage Kreuzerhöhung, um ebenfalls die Prozession zu begleiten. An den genannten Tagen tranken die Schützenbrüder 1 1/2 Ohm Bier. Die Gesellschaft dauerte höchstens bis 8 Uhr abends. Danach war jeder Schütze verpflichtet, ruhig nach Hause zu gehen.

Zur Schützengesellschaft gehörten in Fürstenberg nur verheiratete Männer, obgleich die Regeln das nicht ausdrücklich forderten. Doch auch die jungen, noch ledigen Männer wollten einen Verein. Im Jahr 1856 traten deshalb einige Einwohner Fürstenbergs, an ihrer Spitze der Gastwirt Franz Henneken, gen. Loneken, an den Amtmann Brunnstein mit dem Ersuchen heran, die bestehende Schützengesellschaft aufzulösen und einen Schützenverein neu zu begründen.

Dem Antrag waren eine Unterschriftenliste, auf der zahlreiche Männer mit dem Zusatz „ledig“ unterzeichnet hatten, und eine vollständige Satzung in 45 Paragraphen beigefügt. Das Ziel des Vereins wurde in § 1 genannt: „Der Schützenverein bezweckt einen wohlwollenden Gemeinsinn, Belebung des Bürgersinnes, Ehre und honettes Betragen unter den Bürgern und Bürgersöhnen der Gemeinde Fürstenberg zu befördern, sowie ihre dankbare Anerkennung an Sr. Majestät den König, dem vielgeliebten Landesvater an den Tag zu legen, zugleich auf tätige Hilfeleistung bei Feuersbrünsten und sonstigen gemeinsamen Gefahren. Endlich bezweckt derselbe auch mit Genehmigung der Geistlichkeit zur Verherrlichung der kirchlichen Feierlichkeiten und zur Aufrechterhaltung der Ordnung bei denselben, nach Kräften beizutragen“.

Mitglieder des Vereins sollten alle Männer zwischen 18 und 50 Jahren werden können. Die Anzugsordnung sah bei den höheren Schützenoffizieren einen dreieckigen Hut mit Federbusch und vom Rang eines Leutnants ab runde Hüte als Kopfbedeckung vor. Am Festtag wollten die Schützen auf einen Adler schießen. Der so ermittelte Schützenkönig sollte zum Zeichen seiner Würde ein Ordenskreuz erhalten. Aus dem Kreis der Damen des Dorfes sollte er sich sodann seine Königin wählen dürfen.

Aus den vorgelegten Regeln sprach ein gewandeltes Bewusstsein der Landbevölkerung. Man fühlte sich nicht mehr als Untertan oder Hintersasse eines mächtigen, adligen Grundherrn, sondern als Bürger eines Staates, dessen König man als Landesvater akzeptierte. Auch die noch ledigen Bürgersöhne sollten gleichberechtigt am Fest teilnehmen dürfen. Den Festball zierte man nach Art des Hofes mit einer Königin. Die Ränge und Abzeichen der Offiziere waren der preußischen Militärtradition entlehnt. Es gab den Major, den Hauptmann, den Premier-Lieutenant und den Seconde-Lieutenant, den Fähnrich und den Feldwebel.

Der Amtmann und Schützenoberst Brunnstein berief eine Generalversammlung der Schützenkompanie ein. Diese Versammlung widersetzte sich jedoch der Auflösung und lehnte eine Neugründung ab. Die Statuten mussten ohne Unterschrift zu den Akten gelegt werden. Eine zweite Schützengesellschaft für Bürgersöhne, wie sie in der Nachbarstadt Büren seit 1828 bestand, konnte sich in Fürstenberg nicht etablieren.

Den Schützenplatz allerdings verlegte die Gemeinde während der Separation im Jahr 1869 in die Höppertrift. Das Festzelt wurde jetzt oberhalb der Teiche direkt neben der Höpperquelle aufgeschlagen. In ihrem Wasser konnte das Bier vorzüglich gekühlt werden. Vielleicht war das der entscheidende Vorzug des neuen Festplatzes, der die Schützenbrüder veranlasste, vom Dorf hinunter auf den Wasserplatz zu ziehen. Das Volksfest wurde von nun an jährlich hier gefeiert. Der Festplatz wurde vom Kriegerverein übernommen, dem modernen Nachfolger des ältesten Dorfvereins.

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