Schulkind in Eilern

Im März 1953 war ich gerade sechs Jahre alt geworden. Am 1. April musste ich nun die Schule besuchen. Das hieß laufen, zwei Kilometer zu Fuß nach Elisenhof. Mein Vater schnitt mir zum ersten Schultag einen Haselnuss-Stock. Denn mit mir gingen Haiducks Günter, Hennekens Karl, Schölings Theo und Wiedemeiers Nando in die erste Klasse: Deshalb der Stock und der Ratschlag, mich damit gegen die Jungen zu wehren.

Im Sommer, wenn es heiß war, wurde der Rückweg über Friedrichsgrund besonders anstrengend. Doch bei Wächters Wiese gab es auf dem Weg eine tiefe Pfütze, die auch bei Trockenheit noch lange Wasser enthielt. Auf dem Bauch liegend schöpften wir das Wasser mit der hohlen Hand in den Mund. Das löschte unseren Durst, es schmeckte vorzüglich, und krank sind wir davon auch nicht geworden.

Im Winter trieb uns der eisige Ostwind oft Tränen in die Augen. Wir stapften „im Gänsemarsch“ durch den hohen Schnee. Der Schnee durchnässte unsere Mäntel und kam in die Gummistiefel. In der Schule wurden dann Stiefel und Strümpfe ausgezogen. Die Kleidung wurde zum Trocknen aufgehängt.

Wir Kinder durften uns vor den runden Kanonenofen setzen. Dort konnten wir lesen, rechnen und schreiben, bis wir uns wieder aufgewärmt hatten. Die ‚Großen’ nutzten die fürsorgliche Betreuung unseres Lehrers manchmal aus. Sie wälzten sich absichtlich im Schnee. Weil sie so nass waren, konnten sie am Unterricht nicht mehr teilnehmen. Doch die älteren Schüler haben uns jüngeren auch geholfen, das Lesen und Rechnen zu lernen.

Donnerstags begann der Unterricht für uns Schulanfänger erst um zehn Uhr. Glück hatten wir, wenn der ‚Bierwagen’ aus Wünnenberg an diesem Tag die kleine Flaschenbierhandlung meiner Eltern belieferte. Dann kletterten wir alle auf die Ladefläche des Lieferwagens, hockten uns auf die Kästen und Fässer und fuhren mit bis Elisenhof. Beim Gastwirt von Rüden stiegen wir ab. Einen Weg hatten wir an diesem Tag bequem zurückgelegt.

In die acht Jahrgänge der einklassigen Schule des Lehrers Wokittel gingen 29 Kinder. Wir fühlten uns wie in einer großen Familie, lernten gemeinsam und arbeiteten manchmal den ganzen Morgen zusammen im Schulgarten. Jeder hatte seine besonderen Aufgaben und Pflichten.

Doch nach zwei glücklichen Jahren in Elisenhof mussten wir die Schule wechseln. Wir wurden Fahrschüler. Morgens stiegen wir in den großen gelben Postbus und fuhren die fünf Kilometer bis nach Fürstenberg. In der Schule dort war vieles anders. Die Lehrerin war streng. Wenn ich bei der Arbeit mit meiner Banknachbarin sprach, musste ich 100 mal schreiben „Ich darf nicht stören“. Ich konnte das überhaupt nicht verstehen, denn beim Lehrer Siegfried Wokittel hatten wir gelernt, dass bei der Schularbeit einer dem anderen helfen musste.

Die Hausaufgaben notierte ich immer mit Bleistift in meinem Notizbuch, ein Werbegeschenk von MAN. Ich hatte es von meinem Onkel aus Nürnberg als Geschenk bekommen: Ledereinband mit Goldschnitt. Wir sollten aber die Aufgaben mit dem Griffel auf die Schiefertafel schreiben. Die Lehrerin nannte mich ungehorsam und nahm mir das Notizbuch einfach weg. Wie gern wäre ich wieder zur Schule in Elisenhof gegangen!

Mittags mussten wir bis halb zwei auf den Bus warten, der uns zusammen mit den Realschülern aus Dalheim und Lichtenau zurück nach Eilern brachte. Wir vertrieben uns bis dahin die Zeit mit Spielen oder erledigten Aufträge, die uns die Mutter mitgegeben hatte. Langeweile hatten wir eigentlich nie!

Maria Nolte

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