Westphalen

Die Ritterfamilie Westphalen

Seit ihrem Erscheinen im Paderborner Land  traten die Westphalen  als eines der führenden Rittergeschlechter des Hochstifts hervor. Die Familie war ursprünglich im Bistum Minden ansässig, wo 1249 ein Johann Westphal erstmals urkundlich erwähnt wird. Die Westphalen  hatten dort Beziehungen zu den Mindener Bischöfen, den Vögten der Mindener Kirche sowie zu den Herzögen von Braunschweig. Im Hochstift Paderborn erscheint Lubbert Westphal zum ersten Mal 1306, als er für Bischof Otto von Rietberg (1277-1307) als Urkundenzeuge auftrat. Seit 1307 bekleidet er das Amt des Truchsess oder Drost. Er ist also der Premierminister des Bischofs.

Beim Adel des Hoch- und Spätmittelalters (11. bis 15. Jahrhundert) sind zwei Schichten zu unterscheiden: der Hochadel, die sogenannten Edelherren oder Edelfreien, zu denen  Herzöge, Grafen und Freiherren gehörten, und der niedere Adel, der sich zumeist aus Ministerialen (Dienstmannen) zusammensetzte. Die wirtschaftliche Grundlage des Adels bestand zum einen im  Allodialvermögen - dieser frei verfügbare Familienbesitz war an Bauern verpachtet  oder wurde auf eigenen Gütern genutzt - zum anderen in Lehen des Königs oder der Kirche, wofür die Vasallen Dienste als berittene Krieger, Ratgeber oder Schutzvögte zu leisten hatten.

Die Ministerialen waren dagegen ursprünglich wie die meisten Bauern unfrei und somit von ihrem Herrn in viel stärkerem Maße abhängig als die adligen Vasallen . Sie durften nicht frei über ihren Besitz verfügen, konnten ihren Aufenthaltsort nicht selbst bestimmen und mussten Abgaben als Zeichen ihrer Unfreiheit entrichten. Von der Masse der Bevölkerung unterschieden sie sich aber durch ihre höheren Funktionen. Dazu gehörte besonders die Verwaltung des bischöflichen Grundbesitzes, der im Fürstbistum Paderborn sehr umfangreich war. Die Ministerialen arbeiteten als Gutsverwalter auf dem Gutshof, der den Mittelpunkt einer aus zahlreichen Bauernwirtschaften  bestehenden sogenannten Villikation bildete. Auch in der Zentralverwaltung dieser Grundherrschaften, also am Sitz des Bischofs in Paderborn, wurden nach dem Vorbild des königlichen Hofstaates Hofämter geschaffen, die von Ministerialen bekleidet wurden, so etwa in Westfalen das Amt des Drost (Truchsess). Die Angehörigen der Familie Westphal waren nicht Edelherren, sondern Ministerialen des Bischofs von Paderborn. Im Laufe des Mittelalters gelang es ihnen, als Adel anerkannt zu werden.

Neben der Tätigkeit in der Zentral- und der Gutsverwaltung wurden militärische Funktionen für den Aufstieg der Ministerialen bedeutsam. Diese Feststellung gilt nicht nur für die Dienstmannschaft des Königs, sondern auch die der Bischöfe und großen Klöster, die seit der Zeit der ottonischen Kaiser (10./frühes 11. Jahrhundert) verstärkt zum Königsdienst herangezogen wurden. Zwar sank seit dem Investiturstreit die Bedeutung der Kirchenfürsten für das Königtum, die Ministerialen wurden aber fortan für den Ausbau der Landesherrschaften benötigt. Das Rückgrat dieser Fürstentümer bildeten die nun in größerer Zahl entstehenden Burgen.

Lubbert Westphal beteiligte sich finanziell an der Errichtung oder dem Ausbau der Burgen des Bischofs, wie dies für die Burg und Stadt Peckelsheim belegt ist, für die er dem Bischof 75 (Gewichts-) Mark vorstreckte. Ebenso errichtete er, wie aus einer Urkunde von 1346 hervorgeht, auf einem Grundstück in der Nähe der Burg Lippspringe einige Gebäude. Dabei könnte es sich um den späteren Rittersitz der von Westphalen, die sogenannte Timpenburg handeln.

Die Westphalen mehrten besonders in der zweiten Hälfte des 14. und zu Beginn des 15. Jahrhunderts gezielt ihren Besitz. 1348 und 1351 erwarb ein Heinrich Westphal  Besitz um Wünnenberg. Seine Söhne Lubbert und Johann übernahmen Burg , Stadt und Herrschaft Wünnenberg 1379 vom Bischof als Pfandbesitz. Auch im Raum Lippspringe mehrte die Familie ihren Besitz insbesondere durch pfandweise Überlassungen von Gütern, Grundhörigen und Gerichtsrechten seitens der Edelherren zur Lippe. Vom Bischof erwarben sie auf die gleiche Weise 1358 das Amt und Gogericht Beken. Eine Urkunde von 1432 nennt Besitzungen in den Herrschaften Schaumburg, Ravensberg und Lippe. Im Fürstbistum Paderborn werden Wünnenberg, Lippspringe und Besitz um Warburg genannt.

Der umfangreiche Besitz der von Westphalen an Grund und Boden, an Burgen und Herrschaftsrechten reiht sie in die führende Gruppe von 15 Familien, unter ihnen die von Haxthausen und von Brenken, ein, die um 1445 an der Spitze der Paderborner Ritterschaft standen. Das Beispiel der von Westphalen zeigt, dass die landläufige Vorstellung, wonach der niedere Adel im Spätmittelalter verarmt sei und deswegen zum "Raubrittertum" degeneriert sei, sehr klischeehaft ist. Wenn eine Familie an Fehden beteiligt war und sich der dabei üblichen Methoden, Raub und Brandschatzung bediente, so ist dies allein kein Indiz für eine schlechte wirtschaftliche Lage, sondern Ausdruck mittelalterlicher Rechtsverhältnisse, die die Fehde unter bestimmten Voraussetzungen erlaubten. Zugleich war allerdings die Fehde, wie das Turnier, ein Ausdruck adligen Selbstverständnisses. Die Ritterschaft des Hochstifts Paderborn entwickelte sich im Spätmittelalter zu einem exklusiven Stand. Es gelang ihr, Nicht-Adligen den Eintritt ins Domkapitel mit seinen reichen Pfründen und seiner starken politischen Stellung zu verwehren, indem er an den Nachweis von vier adligen Großeltern gebunden war.

Insbesondere die Familie Westphalen hat es bis zum Ende des Hochstifts Paderborn 1802 immer wieder verstanden, männliche Mitglieder, vornehmlich die jüngeren Söhne, mit Domherrenstellen zu versorgen, womit der bei Kinderreichtum stets drohenden Tendenz zur Aufsplitterung des Vermögens entgegengearbeitet wurde. Voraussetzung hierfür war eine Heiratspolitik, die Ehen mit nicht-standesgemäßen, also bürgerlichen und bäuerlichen Partnern verbot.

Neben der Mehrung des Ansehens und des Besitzes der eigenen Familie standen die Verpflichtungen, die sich aus den Lehnsverhältnissen er gaben. Die engste Bindung hatten die Westphalen um 1400 zum Domkapitel. Dies wurde deutlich, als sie im Streit zwischen dem Bischof Wilhelm von Berg und seinem Kapitel den Domherren die Treue hielten.  Der Ritter Johann Westphal wurde zusammen mit dem in Paderborn ansässigen Knappen Johann Stapel zum obersten Amtmann im Westteil des Fürstbistums  eingesetzt. Mit dem Rücktritt Bischof Wilhelms von Berg 1414 fand die Fehde ihr Ende.

Seit dem letzten Viertel des 14. Jahrhunderts  nutzten die von Westphalen die Geldverlegenheit der Bischöfe, aber auch das durch die Pestwellen verursachte Aussterben zahlreicher Ritterfamilien geschickt aus, um weitere Burgen als wichtiges Statussymbol, aber auch als Herrschaftsinstrument,  zu erwerben. 1379 gelangten Burg und Stadt Wünnenberg in ihren Pfandbesitz.

Für ihre Verdienste in der Soester Fehde wurden die Westphalen 1446 mit der Burg Fürstenberg am Sintfeld belehnt. 1448 begannen sie, die um 1390 zerstörte Burg Fürstenberg wiederaufzubauen und in ihrem Umkreis Bauern anzusiedeln. 1452 folgte der Pfanderwerb von Burg und Stadt Lichtenau, während sie zur selben Zeit von der aussterbenden Ritterfamilie von Heerse das Dorf Herbram mitsamt der Burg erbte.

Der Besitz von Rittersitzen hatte nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine gesellschaftliche und politische Bedeutung für die Herrn Westphalen. Denn mit dem Rittersitz war für den Adligen das Recht verbunden, am Paderborner Landtag teilzunehmen. Der Landtag, bestehend aus dem Domkapitel, der Ritterschaft und den Vertretern der Städte, hatte gegenüber dem Bischof ein Mitbestimmungsrecht bei der Gesetzgebung und der Festsetzung von Steuern. Im Jahre 1662 wurden allerdings die Zugangsvoraussetzungen verschärft. Es galten fortan die gleichen ständischen Bedingungen wie für das Domkapitel. Der Adlige musste nachweisen, dass schon seine 16 Ur-Urgroßeltern ausnahmslos adlig gewesen waren. Der Ahnennachweis in Form einer Vorfahrentafel musste von zwei Adligen durch einen Eid beglaubigt werden. Mit diesem strengen Verfahren wurde verhindert, dass wohlhabende Bürger oder fremde Adlige von zweifelhafter Herkunft über den Erwerb eines Rittersitzes in die Paderborner Ritterschaft eindringen konnten. Schon in den Jahrhunderten zuvor war dies nur äußerst selten vorgekommen, seit 1662 aber stellte die Ritterschaft des Hochstifts Paderborn den exklusivsten Kreis von Adligen in ganz Westfalen dar.

Der eigentliche Mittelpunkt der Familie Westphalen wurde Fürstenberg, als 1654 die Pfandschaft über das Amt Wünnenberg und zwei Jahre später auch die über das Amt Lichtenau an den Bischof zurück gegeben werden musste. 1601 hatte Wilhelm von  Westphalen, Deputierter des Herzogtums Westfalen, Schloss und Gut Laer bei Meschede erworben. Durch die Ehe Wilhelms mit seiner Cousine Brigitta Theodora von Westphalen zu Fürstenberg wurden beide Linien und ihr Besitz vereinigt. 

Der Enkel Wilhelm Ferdinand (1696-1739) war verheiratet mit Anna Helene von der Asseburg. Zwischen 1739 und 1749 verwaltete die Witwe als Vormund ihrer Söhne Clemens August und Friedrich Wilhelm das Vermögen. Auch sie war bestrebt, ihren Besitz in Fürstenberg zu konzentrieren. Nach dem Aussterben der Herbramer Linie konnte deren Besitz hinzugewonnen werden. Durch Kauf wurden die Güter der Westphalen  zu Heidelbeck  erworben. Clemens August von Westphalen, genannt der Oberstallmeister, begründete zusammen mit seinem Bruder Friedrich  Wilhelm, der von 1782 bis 1789 Fürstbischof von Paderborn war, im Jahr 1751 das Westphalen'sche Familienfideikommiss. In dieses unveräußerliche und nicht belastbare Stammgut des Adelshauses wurde das gesamte Grundvermögen der Familie eingebracht, um im Erbfall ungeteilt in die Hand eines männlichen Erben überzugehen und darin zu verbleiben.

Als Mitglieder der Ritterschaft des Hochstifts Paderborn beanspruchen die Westphalen 1739 folgende Rittersitze: fünf zu Fürstenberg, einen zu Dinkelburg und drei zu Herbram. In einem Erlass von 1783 nennt sich Clemens August "Freiherr von Westphal zu Fürstenberg, Herr zu Fürstenberg, Herbram, Laer, Alme, Dinkelburg, Borgholz, Lippspringe, Verne, Mühlsborn, Meschede, Grundsteinheim, Herford, Schwaney pp.; der Hochfürster Hildesheim, Paderborn und Osnabrück Erbschenk, Erbküchen- und Erboberjägermeister, seiner kaiserlich-königlichen Majestät wirklicher Kammerherr, seiner hochfürstlichen Gnaden zu Hildesheim und Paderborn wirklicher geheimer Rat und Oberstallmeister, hochdero deputatus bei der paderbörnischen Landschaft, Landdrost des Hochstifts Paderborn, Drost der Ämter Liebenburg und Himersrück des kaiserlichen Sankt Josephs Ordens Großkreuz und Kommandeur pp."

Oberstallmeister und Fürstbischof ließen die alten Burg- und Wirtschaftsgebäude auf dem Fürstenberg abbrechen. Zwischen 1776 und 1783 errichteten sie moderne Ökonomiegebäude, von denen aus die Eigenländereien als Gutsbetrieb bewirtschaftet wurden. Über den Grundmauern der alten Burg ließen sie durch den Architekten Simon Louis du Ry ein Jagdschloss erbauen, bei dem dieser drei selbstständige, durch halbkreisförmige Galerien verbundene Baukörper um einen Ehrenhof gruppierte.

Des Oberstallmeisters Sohn Clemens August, seit 1792 Reichsgraf und später Burggraf zu Friedberg, übernahm 1778 das Vermögen. Er konnte es erheblich vergrößern, weil ihm als Universalerben die Hinterlassenschaften zweier Fürstbischöfe zuflossen: 1782 die seines Großonkels Wilhelm Anton v. d. Asseburg und 1789 die seines Onkels Friedrich Wilhelm von Westphalen. Andererseits wurde der Familienbesitz durch Zukauf bäuerlicher Parzellen vermehrt.